Mundarten.  187

Ganz  falsch  ist  die  Auffassung,  daß  wir  nun  in  den  Mundarten  dieser
hochdeutschen  Schriftsprache  gegenüber  eine  mehr  oder  weniger  verdorbene
  Schriftsprache  besäßen.  Das  ist  nicht  der  Fall.  Vielmehr  haben  wir
in  den  Mundarten  die  natürliche,  lebendige  Gestalt  unserer  Sprache,  wie  sie  in
den  einzelnen  Landschaften  sich,  den  Naturgesetzen  der  Sprache  entsprechend,
entwickelt  hat.  Die  künstlich  geregelte  und  die  natürlich  gewordene  Sprache
stehen  sich  also  in  Schriftsprache  und  Mundart  gegenüber,  und  zwar  ist  die
Mundart  nicht  die  niedrige  Magd  der  stolzen  Herrin,  die  sich  Schriftsprache
nennt,  sondern  die  Mundart  ist  die  lebenspendende  Mutter  der  Schriftsprache,
aus  der  diese  immer  und  immer  wieder  neue  Wörter  und  Fügungen  aufnimmt,
um  nicht  zu  erstarren.  Nicht  Entartung  und  Vergröberung  der  Schriftsprache
ist  also  die  Mundart,  sondern  die  treibende  Wurzel,  aus  der  der  herrliche  Baum
der  Schriftsprache  entsprießt  und  Lebenssaft  und  Lebenskraft  erhält.  Das
schiefe  und  ungünstige  Urteil,  das  auch  in  der  Gegenwart  doch  noch  vielfach
über  die  Mundarten  gefällt  wird,  erklärt  sich  daraus,  daß  bei  der  kunstvollen
Regelung  der  Schriftsprache,  wie  sie  durch  Grammatiker  wie  Clajus,  Gueintz,
Schottel,  Bödiker,  Frisch,  Wippel,  Gottsched  und  Adelung  erfolgte,  immer  mehr
alles  Mundartliche  in  Lautgestalt,  Form-  und  Wortschatz  aus  der  Schriftsprache
verbannt  wurde.  Infolgedessen  bildete  sich  die  Meinung  aus,  die  Mundarten
seien  roh  und  niedrig.  Erst  die  geschichtliche  Erforschung  unserer  Sprache,
wie  sie  durch  Jakob  Grimm  begründet  wurde,  setzte  die  Mundarten  wieder  in
die  ihnen  gebührende  Stellung  ein  und  hob  ihren  ursprünglichen  Wert  und
ihre  große  Bedeutung  für  unser  Sprachleben,  auch  für  das  Leben  der  Schriftsprache,
  wieder  nachdrücklich  hervor.  In  erfreulicher  Weise  hat  sich  dadurch
lebendiger  Anteil  nicht  nur  der  gelehrten  Kreise,  sondern  der  Gebildeten  überhaupt
  den  Mundarten  zugewendet.

Volks-  und  Kinderlieder,  Haussprüche,  Sprichwörter,  volkstümliche  Redewendungen
  aller  Art,  mundartliche  Dichtungen,  Lieder  und  Erzählungen  werden
in  allen  deutschen  Landschaften  gegenwärtig  eifrig  gesammelt,  Orts-  und  Familiennamen,
  volkstümliche  Bräuche  werden  erklärt,  mundartliche  Wörterbücher
entstehen  in  reicher  Zahl,  und  ebenso  werden  Grammatiken  der  verschiedenen
Mundarten  geschrieben.!)  Überall  ist  ferner  das  Bestreben  lebendig,  die  Schriftsprache

  und  Mundarten  in  Bayern,  1890,  und  O.  Brenner,  Gesch.  und  lautl.  Grundlagen
der  deutschen  Rechtschreibung,  Leipzig  1902.  Für  den  Unterricht  ist  trefflich  zu  verwenden:
  O.Dähnhardt,  Heimatklänge  aus  deutschen  Gauen,  3  Bde.,  Leipzig  1902.

1)  Empfohlen  seien  dem  Lehrer  des  Deutschen:  O0.  Bremer,  Sammlung  kurzer  Grammatiken
  deutscher  Mundarten,  Leipzig  1895,  namentlich  Bd.  8.  O.Bremer,  Beiträge  zur
Geographie  der  deutschen  Mundarten  in  Form  einer  Kritik  von  Wenkers  Sprachatlas  des
Deutschen  Reiches,  Leipzig  1895.  —  W.  Streitberg,  Urgermanische  Grammatik.  Einführung
  in  das  vergleichende  Studium  der  altgermanischen  Dialekte.  Heidelberg  1896.  —
Ferner  in  Pauls  Grundriß:  I.  Band,  5  Abschnitt.  Anhang:  Die  Behandlung  der  lebenden
Mundarten.  Friedrich  Kauffmann,  Deutsche  und  niederländische  Mundarten.  —  H.  Osthoff,
  Schriftsprache  und  Volksmundart,  Berlin  1883.  —  Karl  Franke,  Reinheit  und
Reichtum  der  deutschen  Sprache  gefördert  durch  die  Mundarten.  Leipzig  1890.  —  F.  Woeste,
Wörterburch  der  westfälischen  Mundart,  Norden  u.  Leipzig  1888.  —  R.  Wossidlo,  Volks-