188  Lron:  Der  deutsche  Unterricht.

sprache,  in  der  man  infolge  der  Betrachtung  der  Mundarten  vielfach  einen  vom
natürlichen  Leben  der  Sprache  abgekehrten,  lediglich  “papiernen  Stil’  findet,  der
lebendigen  gesprochenen  Rede  wieder  anzunähern.  Alles  das  bezeugt,  daß  der
wissenschaftlichen  Einsicht  in  das  wahre  Verhältnis  zwischen  Schriftsprache  und
Mundart  überall  auch  die  Tat  folgt,  wodurch  das  rechte  Verhältnis  zwischen
Schriftsprache  und  Mundart  wiederhergestellt  wird.  Insbesondere  hat  die
Schule  die  Aufgabe,  hier  einzugreifen,  und  nur  der  Lehrer,  der  das  Deutsche
mit  geschichtlichem  Blicke  ansehen  kann  und  daher  auch  für  die  lebendige
Mundart  den  rechten  Standpunkt  einnimmt,  wird  einen  wirklich  lebendigen,  in
Jie  Tiefe  gehenden  deutschen  Unterricht  zu  erteilen  imstande  sein.

Mit  den  Hauptunterschieden  des  Ober-,  Mittel-  und  Niederdeutschen,  des
Alemannischen,  Bayrischen  und  Fränkischen,  des  Niederfränkischen  und  Plattdeutschen,
  des  Thüringischen,  Obersächsischen,  Erzgebirgischen,  Schlesischen
und  Lausitzischen  soll  der  Schüler  an  der  Hand  geeigneter  Proben  bekannt
gemacht  werden.  Oder  sollte  es  dem  Schüler  zu  viel  zugemutet  sein,  wenn  er
gelegentlich  erfährt,  daß  die  Ortsnamen  auf  ingen  dem  alemannischen,  die  auf
ing  dem  bayerischen  Dialekte  angehören,  daß  sich  die  alten  Dualformen  ös,  ek
noch  heute  im  bayerischen  (als  2.  Pers.  Plur.),  nicht  aber  im  alemannischen
Dialekte  erhalten  haben,  daß  die  Verkleinerungssilbe  im  Alemannischen  -li
oder  -le,  im  Bayerischen  -el  oder  -erl,  im  Mitteldeutschen  -chen  (pfälzisch:
-che),  im  Niederdeutschen  -ken,  -ke  (z.  B.  alemannisch:  li&amp;b  Müsetterli,
bayerisch:  liab’s  Müatterl;  alemannisch:  Meidli,  schwäbisch:  Maidele,  Mädle,
Schätzle,  thüringisch:  Meedchen,  obersächsisch:  Mächen  [Mädchen],  pfälzisch:
  Mädche,  niederdeutsch:  Mäken,  bayerisch:  Diarndl)  lautet?  Das
niederdeutsche  Männeken  (Männchen)  ist  allen  bekannt.  Während  im  Hochdeutschen
  die  alten  mittelhochdeutschen  Längen  i,  ü  und  iu  (sprich:  ü)  zu
ei,  au  und  eu  geworden  sind,  sind  im  Niederdeutschen  die  alten  i,  ü  und  ü
meist  geblieben,  z.  B.  min  (mein),  din  (dein),  sin  (sein);  Win  (Wein),  Bür
(Bauer),  Müs  (Maus),  Lüt’  oder  Lid  (Leute),  hüte  (heute)  usw.  Und  wie
lauscht  der  Schüler,  wenn  er  erfährt,  daß  umgekehrt  die  obersächsische  und
niederdeutsche  Aussprache  der  Zahlen  gene,  zwee,  der  Wörter  Kleed,  weenen,
Boom,  Gloobe  usw.  darauf  beruht,  daß  im  Mittel-  und  Niederdeutschen  die

tümliches  aus  Mecklenburg  1887;  R.  Wossidlo,  Mecklenburger  Volksüberlieferungen,  2  Bde.
1897  u.  1899.  —  H.  Frischbier,  Preußisches  Wörterbuch,  2  Bde.  Berlin  1888  u.  1885.  —
Pangkofer  und  J.K.  Frommann,  Die  deutschen  Mundarten,  eine  Monatsschrift,  4  Jahrgänge,
  Nürnberg  1863—57;  5.  u.  6.  Jahrgang  (Vierteljahrsschrift),  Nördlingen  1858  u.  1859;
7.  Band  (Neue  Folge  I.),  Halle  1877.  —  O.  Heilig  und  Ph.  Lenz,  Zeitschrift  für  hochdeutsche
  Mundarten.  —  G.  Wenker,  Sprachatias  von  Nord-  und  Mitteldeutschland  auf
Grund  von  systematisch  mit  Hilfe  der  Volksschullehrer  gesammeltem  Material  aus  ca.  80  00U
Orten.  Straßburg  1881.  —  Korrespondenzblatt  des  Vereins  für  niederdeutsche
Sprachforschung  (seit  1876).  Jahrbuch  des  Vereins  f.  ndd.  Sprachf.  (seit  1875).
Norden  und  Leipzig.  —  J.  A.  Schmeller,  Bayrisches  Wörterbuch,  2.  Aufl.  von  K.  G.  Frommann,
  2  Bände.  München  1869—1878.  —  Oskar  Brenner  und  August  Hartmann,
Bayerns  Mundarten,  München  1891  f.  —  Für  die  Schule  vgl.  in  meinem  Handbuch  für
höhere  Schulen  I.  den  Abschnitt  über  die  Mundarten.