Mundarten.  189

alten  germanischen  Diphthonge  ai  und  au  (mittelhochdeutsch  ei  und  ou)  zu  6
und  ö  geworden  sind,  während  die  alten  Längen  i,  G,  iu  im  Mitteldeutschen  wie
im  Hochdeutschen  überhaupt  zu  ei,  au,  eu  geworden  sind,  woraus  eg  sich  erklärt,
  daß  man  in  obersächsischer  Mundart  stets  drei,  Leib,  Wein,  Haus,
Haut  usw.,  niemals  dree,  Hoos  usw.  spricht,  daß  man  da,  um  an  das  bekannte
  Scherzgedicht  des  Rektors  der  Fürstenschule  zu  Meißen  Joh.  Pöschel  zu
erinnern,  Pfeife  roocht,  aber  Seefe  braucht.  —  Daß  wir  niederdeutsch
überall  da  haben,  wo  die  Verschiebung  des  p,  t,  k  zu  f,  z  (ss),  ch  nicht  eingetreten
  ist,  ist  gleichfalls  dem  Schüler  klar  zum  Bewußtsein  zu  bringen.

Ebenso  wichtig  erscheint  die  Heranziehung  des  mundartlichen  Wortschatzes.
Das  Wort  Diarndl  hat  nur  das  Bayerisch-Österreichische  und  Oberpfälzische,
das  Wort  man  in  der  Bedeutung  nur  findet  sich  bloß  im  Niederdeutschen
(z.  B.  wat  he  man  snackt,  d.  i.  was  er  nur  plauscht,  schwatzt),  ebenso  die
Koseform  -ing  (Vating,  Muding,  Döchting),  de  Görn  (Kinder)  usw.  Namentlich
  bei  Besprechung  der  Sinnverwandtschaft  der  Wörter!)  ist  es  notwendig,
auch  auf  die  Mundarten  und  die  Umgangssprache  Rücksicht  zu  nehmen.  Besonders
  bestimmt  sich  der  Gefühlswert  eines  Wortes  häufig  hiernach.  Das  eine
Wort  kann  nur  in  gehobener,  poetischer  Rede,  das  andere  in  gewählter  Prosa,
das  andere  in  vertraulicher  Umgangssprache,  das  andere  nur  in  derber  oder
niedriger  Rede  stehen,  z.  B.  Roß  (poetisch),  Pferd  (prosaisch),  Schindmähre
(derb);  niederdeutsches  Born  und  oberdeutsches  Bronn,  Bronnen  können  nur
in  poetischer  Sprache  stehen,  Brunnen  ist  der  übliche  schriftsprachliche  Ausdruck.
  Mundartlich  werden  sie  natürlich  nebeneinander  gebraucht,  z.  B.  mitteldeutsch:
  Bornständer  (Ständer  zur  Aufbewahrung  des  Brunnenwassers  in  der
Küche),  oder  man  vergleiche  die  mundartliche  Verteilung  über  das  deutsche
Gebiet  in  den  Ortsnamen:  Paderborn,  Heilbronn,  Brunnen.  Knabe  ist
das  Wort  gewählter  Schriftrede  und  höherer  Umgangssprache,  das  süddeutsche
Bube  und  das  nieder-  und  mitteldeutsche  Junge  haben  einen  derberen  Beigeschmack.
  Das  süddeutsche  Gestade  gilt  nur  als  poetisches  Wort,  während
das  norddeutsche  Ufer  das  allgemeine  Wort  der  Schriftsprache  geworden  ist.
Mägdlein,  mit  süddeutscher  Verkleinerungssilbe,  ist  das  poetische  Wort  für
das  der  Prosa  angehörige  Mädchen.  Oft  beruht  auch  das  Vornehme  eines
Wortes  auf  dem  Alter  des  Wortes,  indem  alte,  eine  Zeitlang  verschwundene
Worte  durch  Dichter  neu  belebt  wurden.  So  stieg  das  alte  Maid  hoch  über
das  ursprünglich  ganz  gleiche  Magd,  das  alte  Minne  eine  Zeitlang  über  Liebe,
das  alte  wandeln  über  gehen  usw.

Diese  Andeutungen  mögen  genügen,  um  die  Behandlung  der  Mundarten
und  des  Sprachgeschichtlichen  in  der  Schule  zu  zeigen.  Alle  solche  Belehrungen
sind  in  den  grammatischen,  stilistischen  Unterricht  und  in  die  Behandlung  der
Lektüre  einzufiechten.  Doch  sind  in  Obertertis  oder  Untersekunda  Mundarten,
Bedeutungswandel  und  Sinnverwandtschaft  der  Worte  auch  einmal  in  einigen

1)  Vgl.  Johann  August  Eberhards  synonymisches  Handwörterbuch  der  deutschen
Sprache,  neu  bearbeitet  von  Otto  Lyon,  16.  Aufl.  Leipzig  1904.