190  Lrox:  Der  deutsche  Unterricht.

Stunden  zusammenhängend  zu  behandeln,  so  daß  auch  hier  das  gelegentlich
Eingefügte  schließlich  einmal  zusammengefaßt  und  so  zu  einem  sicheren  Besitz
des  Schülers  gemacht  werden  muß.  Man  merke  sich  überhaupt  für  den  deutschen
Unterricht  die  Regel,  daß  alles  gelegentlich  Eingeflochtene  schließlich  einmal
an  geeigneter  Stelle  in  organischen  Zusammenhang  gebracht  und  so  der  Schüler
zu  voller  und  klarer  Einsicht  in  die  Spracherscheinungen  und  Sprachvorgänge
geführt  werden  muß.

Gesprochene  Rede.  Zwischen  Schriftsprache  und  Mundart  steht  aber
noch  eine  dritte  Gestalt  unserer  Sprache,  die  wir  die  Umgangssprache
nennen.  Die  Umgangssprache,  die  Sprache  des  täglichen,  traulichen  Verkehrs,
ist  eine  Mischung  aus  Schriftsprache  und  Mundart;  sie  steht,  je  nach  der  Bildungsstufe
  des  Sprechenden,  der  Schriftsprache  näher  oder  ferner;  jedenfalls
aber  enthält  sie  stets  weit  mehr  mundartliche  Bestandteile  in  Formen,  Fügungen
und  Wortschatz,  als  die  reine  hochdeutsche  Schriftsprache.  So  sagt  man  z.B.
in  hochdeutscher  Schriftsprache:  ‘Nein,  das  ist  nicht  richtig;  das  habe  ich  nicht
gesagt!’  In  mitteldeutscher  Mundart  lautet  dieser  Satz,  z.  B.  in  Sachsen:  ‘Nee,
dos  is  ni  richt’g;  dos  ho’ch  ni  gesoit”  In  der  Umgangssprache  dagegen  kann
dieser  Satz  verschiedene  Gestalt  haben,  z.  B.:  ‘Nein,  das  is  nich  richtig;  das
hab’  ich  nich  gesagt!”  oder:  ‘Nee,  das  is  nich  richt’g;  das  hab’ch  nich  gesagt!’
  usw.

Die  echte  Mundart  hat  sich  meistens  nur  auf  dem  Lande  erhalten.  Die
Stadtmundarten  sind  bereits  viel  mehr  mit  schriftsprachlichen  Ausdrücken  und
Formen  durchsetzt.  Auch  auf  das  Land  dringen  aber  immer  mehr  schriftsprachliche
  Formen  ein  durch  die  Schule,  durch  die  Bibel,  durch  Gesang-  und
Gebetbücher,  durch  die  Zeitungen,  durch  die  Militärzeit  der  männlichen,  durch
die  in  städtischen  Dienststellungen  verbrachte  Zeit  der  weiblichen  ländlichen
Bevölkerung.  So  wird  die  Mundart  auf  ein  immer  kleineres  Gebiet  zurückgedrängt,
  und  die  jungen  Leute  eines  Ortes  sprechen  fast  überall  die  Mundart
bereits  nicht  mehr  so  echt  und  ursprünglich  wie  die  alten.  Umgekehrt  macht
sich  aber  die  Mundart  eines  jeden  auch  in  der  Schriftsprache,  namentlich  wenn
er  sich  dieser  in  Öffentlicher  Rede  bedient,  immer  etwas  in  Lautbildung,  Formengebung
  und  Wortschatz  geltend,  so  daß  sich  Goethes  Wort,  das  er  zu  Wilhelm
Grimm  äußerte,  bewahrheitet:  ‘Der  Bär  brummt  immer  nach  der  Höhle,  in  der
er  geboren  ist.’!)

Der  Umstand,  daß  die  Umgangssprache  häufig  als  ein  charakterloses  Gemisch
  von  Mundart  und  Schriftsprache  erscheint  und  deshalb  sprachlich  wie
ästhetisch  einen  ungünstigen  Eindruck  hervorruft,?)  namentlich  in  den  Landesteilen
  Deutschlands,  in  denen  die  Mundart  ihr  volles  Leben  immer  mehr  eingebüßt
  und  sich  in  ihrer  Ursprünglichkeit  auf  immer  kleinere  Zonen  zurückgezogen
  hat,  macht  es  der  Schule  zur  unabweisbaren  Pflicht,  die  Sprache  der
Schüler  durch  phonetische  Behandlung,  die  auch  dem  Unterrichte  in  den  modernen

!)  Sehr  wichtig  ist  die  Schrift  von  Hermann  Wunderlich,  Unsere  Umgangssprache
in  der  Eigenart  ihrer  Satzfügung,  1894.
»,  Dies  hat  z.  B.  Kauffmann  in  seinen  Angriffen  gegen  Siebs  ganz  übersehen.