Gesprochene  Rede.  191

Fremdsprachen  ganz  wesentlich  zugute  kommt,  der  reinen  Schriftsprache  immer
mehr  anzunähern.!)  Durch  geeignete  Artikulations-  und  Hörübungen,  auf  die
die  Schüler  mit  großer  Lust  eingehen,  lassen  sich  in  wenigen  Wochen  gute
Grundlagen  für  die  Aussprache  schaffen,  die  nie  wieder  verloren  gehen.  Die
Erziehung  zum  Sprechen  ist  eine  der  notwendigsten  und  wichtigsten  Aufgaben
der  Schule.  Leider  pflegt  der  Deutsche  im  allgemeinen  fremde  Sprachen  höher
zu  achten  und  sorgfältiger  zu  studieren  als  seine  Muttersprache.  Schon  in  der
Art  und  Weise,  wie  viele  Schüler  ihre  Muttersprache  sprechen,  erkennt  man,
wie  es  steht.  Sie  Öffnen  kaum  den  Mund,  wenn  sie  reden,  und  sind  nicht  imstande,
  einen  hellen,  reinen,  wohlgebildeten  Vokal  hervorzubringen.  Gequetschte,
gepreßte,  halbgehauchte  oder  gelispelte  Laute  dringen  aus  ihrer  Brust  hervor,
und  das  nennen  sie  Sprache.  Die  Lippen  bewegen  sich  kaum  beim  Sprechen,
die  beiden  Zahnreihen  lösen  sich  kaum  voneinander.  Ein  helles  reines  a  oder
o,  ein  volles  r,  ein  weiches  s,  ein  scharfes  t  usw.  bekommt  man  nur  von  äußerst
wenigen  zu  hören.  Zum  Teil  beruht  diese  Erscheinung  auf  Trägheit  und  Bequemlichkeit,
  aber  zum  großen  Teile  ist  diese  Unfähigkeit  zu  scharfer  Gliederung
  der  Laute  auf  die  Mißachtung  der  Sprache  zurückzuführen,  welche  die
Schüler  zu  Hause  immer  vor  Augen  gehabt  haben  und  nun  unbewußt  mit  in
die  Schule  bringen.  Schon  hier  kann  die  Schule  durch  eine  sorgfältige  Pflege
der  Aussprache  die  Achtung  vor  der  Muttersprache  wesentlich  heben.  Möchte
man  doch  zugleich  bedenken,  daB  viele  Kehlkopfleiden  auf  eine  fortgesetzte
Mißhandlung  der  Sprachorgane  durch  eine  verkehrte  Laut-  und  Tonbildung
zurückzuführen  sind.)  Man  erreicht  hier  also  durch  eine  naturgemäße  Behandlung
  der  Aussprache  zugleich  den  wichtigen  Zweck,  daß  die  Sprachorgane  naturgemäß
  entwickelt,  gekräftigt  und  vor  mannigfachen  Erkrankungen  behütet  werden.?)

Aufsatz  und  freie  Vorträge.  Dem  strengen  Lehrgang  grammatischstilistischer
  Schulung,  der  für  den  Schüler  unerläßlich  ist,  haben  sich  von  der
untersten  Stufe  an  sofort  mündliche  und  schriftliche  Übungen  im  Gebrauche  der

ı)  Grundlegend  ist  hier  Eduard  Sievers,  Grundzüge  der  Phonetik.  Leipzig,  5.  Aufl.
1901;  ferner,  zugleich  mehr  für  den  praktischen  Gebrauch  berechnet:  0.  Bremer,  Deutsche
Phonetik.  Leipzig  1893.  W.Vietor,  Kleine  Phonetik  des  Deutschen,  Englischen  und  Französischen.
  Leipzig  1897.  —  E.  Lüttge,  Die  mündliche  Sprachpflege  als  Grundlage  eines
einheitlichen  Unterrichts  in  der  Muttersprache.  Leipzig  1908.  —  W.  Vietor,  Deutsches
Lesebuch  in  Lautschrift.  Als  Hilfsbuch  zur  Erwerbung  einer  mustergültigen  Aussprache.
Leipzig,  I.  Bd.  1899,  I.  Bd.  1902.  —  H.  Klinghardt,  Artikulations-  und  Hörübungen.
Praktisches  Hilfsbuch  der  Phonetik.  Köthen  1897.  —  Karl  Franke,  Sprachentwickelung
der  Kinder  und  der  Menschheit.  Langensalza  1908  (Sonderabdr.  aus  Reins  Handb.  d.  Pädag.).
—  Paul  Schumann,  Der  Sachse  als  Zweisprachler,  1904.

»)  W.  Berg,  Die  Erziehung  zum  Sprechen.  Leipzig  1908  (Sonderabdruck  aus  ZDU.).
Diese  Schrift  legt  die  Notwendigkeit  sorgfältiger  Schulung  der  Aussprache  in  ausgezeichneter
  Weise  dar.

*,  Als  Grundlage  für  die  Aussprachebehandlung  in  der  Schule  hat  die  Bühnenaussprache
  zu  gelten,  und  jedem  Lehrer  sei  empfohlen:  Theodor  Siebs,  Deutsche  Bühnenaussprache.
  Ergebnisse  der  Beratungen  zur  ausgleichenden  Regelung  der  deutschen  Bühnensussprache.
  Im  Auftrage  der  Kommission  herausgegeben.  Berlin  1901  (auch  in  verkürzter
Ausgabe  erschienen).