192  Lyox:  Der  deutsche  Unterricht.

Schriftsprache  anzuschließen.  Schon  in  Sexta  sind  regelmäßig  Übungen  im
mündlichen  und  schriftlichen  Nacherzählen,  sowie  dann  und  wann  auch  im  Vortragen
  auswendig  gelernter  Stücke  zu  veranstalten,  die  in  Quintse  fortzusetzen
sind.  In  Quinta  muß  die  Wiedergabe  des  Gelesenen  und  Erzählten  bereits
freier  werden,  auch  können  Erzählungen  von  Selbsterlebtem,  kleine  Briefe  usw.
gefordert  werden.  In  Quarta  kann  man  schon  umfangreicher  auf  die  kurze  und
knappe  Wiedergabe  von  Geschautem  und  Gelesenem,  Erlebtem  und  Empfundenem
dringen.  Wenn  man  den  Schülern  kleine  Anhaltspunkte  gibt  und  sie  so  unbewußt
  zum  Disponieren  führt,  so  kann  man  zu  recht  erfreulichen  Ergebnissen
gelangen.  Man  gestatte  in  Ausdruck  und  Satzbau  die  größte  Freiheit.  Es
kommt  alles  darauf  an,  dem  Schüler  Mut  zu  machen,  aus  sich  herauszugehen.
Der  Vortrag  von  Gedichten  ist  auch  in  diesen  Unterklassen  liebevoll  zu  pflegen.
In  Untertertia  haben  bereits  die  eigentlichen  freien  Vorträge  ihren  Anfang  zu
nehmen,  die  entweder  Berichte  über  Privatlektüre  oder  Wiedererzählung  von  Gelesenem,
  Darstellungen  von  Selbsterlebtem,  Selbstgeschautem,  Mitteilungen  über
Lieblingsbeschäftigungen  usw.  sein  können.  Es  ist  überall  auf  die  größte  Einfachheit
  und  Natürlichkeit  im  Ausdruck  und  in  der  Darstellung  zu  halten,  jede
Verstiegenheit  oder  jeder  künstlich  zusammengesuchte  Redeschmuck  ist  zu  vermeiden.
  Frische  und  Lebendigkeit  ist  überall  im  deutschen  Unterricht  die
Hauptsache.  Die  Aufsätze  sollen  gleichfalls  den  Charakter  klarer,  mit  den
Tatsachen  genau  übereinstimmender  Berichte  über  Geschautes  und  Erlebtes,
Gelesenes  und  Gehörtes  haben.  Einen  Unterschied  zwischen  Beschreibungen
und  Schilderungen  mache  man  nicht;  da  durch  die  Einführung.  des  Begriffes
der  Schilderung  die  Schüler  sehr  leicht  zu  unnatärlicher  Übertreibung  des
Ausdruckes  und  zu  totem  künstlichem  Redeschmuck  verführt  werden.  Man
lasse  vielfach  die  Briefform  benutzen.  In  Öbertertia  können  die  freien  Vorträge
  auch  den  Charakter  von  kurzen  Erörterungen  über  Gegenstände  tragen,
die  dieses  Alter  besonders  interessieren,  z.  B.  über  Sport,  Fußwanderungen,
Ausflüge,  fremdsprachlichen  Verkehr,  Bilder  usw.  Die  Berichte  über  Durchgesprochenes,
  Gelesenes,  Theaterbesuch,  Selbsterlebtes  usw.  bleiben  selbstverständlich
  die  Hauptsache,  auch  für  die  Aufsätze.  In  den  Aufsätzen  kann
mean  bereits  auf  dieser  Stufe  leichtere  Sprichworterklärungen  und  Behandlung
einfacher  Sentenzen  geben  lassen.  Auch  in  Gesprächsform  können  von  Quinta
aufwärts  manche  Themen  behandelt  werden.  Auf  eine  klare  Disposition  und
auf  Bestimmtheit,  Knappheit,  Klarheit,  Schärfe,  Natürlichkeit  und  Lebendigkeit
des  Ausdrucks  ist  auf  allen  Stufen  zu  halten.  Überall  hat  Lessings  Wort  beim
Stil-  und  Redeunterricht  zu  gelten:  “Die  größte  Deutlichkeit  war  mir  stets  die
größte  Schönheit.’

Ein  strengerer  stilistischer  Lehrgang')  ist  für  die  Unter-  und  Mittelklassen

1)  J.  H.  Deinhardt,'  Beiträge  zur  Dispositionslehre,  1890,  ist  für  Oberklassen  zu
empfehlen.  Ich  verweise  ferner  auf  mein  Handbuch  der  deutschen  Sprache  IL.  6.  Aufl.  Leipzig
1903,  sowie  auf  die  ‘Stilistik’,  die  gesondert  erschienen  ist,  Leipzig  1908.  Empfohlen  sei
besonders:  Theodor  Matthias,  Aufsatzsünden,  Leipzig  1901,  und  O.  Weise,  Deutsche
Sprach-  und  Stillehre,  Leipzig  1901.