Aufsatz  und  freie  Vorträge.  193

notwendig.  Man  erläutere  die  stilistischen  Grundsätze  immer  an  lebendigen
Beispielen‘)  Man  nehme  auch  einzelne  Kapitel  aus  dem  Buche  ‘Sprachleben
und  Sprachschäden’  von  Matthias  oder  aus  dem  Werke  ‘Allerhand  Sprachdummheiten’
  von  Wustmann  als  Grundlage  für  stilistische  Besprechungen.
Auch  Behaghels  Schrift  “Die  deutsche  Sprache’  sollte  sich  in  der  Hand  jedes
Schülers  befinden,  damit  man  einzelne  Kapitel  im  Unterrichte  durchsprechen  kann.

Der  Vortrag  von  Dichtungen  muß  sich  durch  alle  Klassen  hindurchziehen
und  kann  sich  in  den  Mittel-  und  Öberklassen  zur  Darstellung  dramatischer
Szenen  steigern.  Gerade  die  dramatische  Form  gibt  diesen  Deklamationen  besondere
  Frische  und  größeres  Leben.

In  Untersekunda  kann  man  zu  den  Berichten  in  den  freien  Vorträgen  und
Aufsätzen  Erörterungen,  Vergleichungen,  Betrachtungen,  kleine  Ansprachen  und
Reden  usw.  hinzutreten  lassen.  In  Obersekunda  bis  Oberprima  haben  sich  diese
Stoffe  für  die  freien  Vorträge  und  Aufsätze  dem  Alter  entsprechend  zu  erweitern.
  Doch  sind  von  Obersekunda  aufwärts  Übungen  im  Definieren,  Schlußbilden
  und  Disponieren  einzufügen.  Auch  die  Rede,  Ansprache  und  die  freie
Wechselrede  ist  zu  pflegen.  In  den  Öberklassen  ist  vor  allem  aber  auch  dem
Schüler  Gelegenheit  zur  Übung  im  Protokollieren,  Referieren  und  Debattieren
zu  geben.  Das  kann  am  besten  bei  den  freien  Vortragsübungen  geschehen,
indem  einem  oder  mehreren  Schülern  das  Protokoll,  einem  anderen  die  Kritik
zu  übertragen  ist,  an  die  sich  dann  eine  vom  Lehrer  geschickt  zu  leitende
Debatte  anzuschließen  hat.?)  In  den  Aufsätzen  der  Primen  schrecke  man  auch
nicht  vor  Themen  über  gelesene  Dichtungen  und  Dramen,  über  Aussprüche  von
großen  Gelehrten,  Staatsmännern,  Feldherrn,  Dichtern  usw.  zurück  und  auch

nicht  vor  allgemeinen  Abhandlungen  über  Fragen,  an  denen  man  einen  lebhaften
  Anteil  der  Jugend  voraussetzen  kann.

)  Sehr  zu  empfehlen  sind  hierzu  die  Sätze  ‘zur  Schärfung  des  Sprachgefühls’,  die
H.  Dunger  regelmäßig  in  der  Zeitschrift  des  Allgemeinen  deutschen  Sprachvereins  erscheinen
  läßt.

»)  Sehr  hübsch  gibt  Anleitung  zu  einer  solchen  Behandlung  der  Aufsatz  von  Joh.
Pöschel,  Über  freie  Vorträge,  Protokollieräbungen  und  Privatlektüre  (ZDU.  VII,  895  ff.).
Pöschel  siellt  folgende  Leitsätze  auf:  ‘1.  Schriftliche  Ausarbeitung  der  Vorträge  ist  nicht
zulässig.  2.  In  Stunden,  die  Vortragsübungen  gewidmet  werden,  sind  möglichst  alle,  auch
die  schwächeren  Schüler  zu  lebhafter  Beteiligung  heranzuziehen.  Daher  empfiehlt  es  sich:

a)  Die  Vorträge  auf  Gebiete  zu  beschränken,  mit  denen  die  Klasse  vertraut  ist,  z.B.
sie  für  die  Kontrolle  der  Privatlektüre  zu  verwerten,

b)  den  Übungen  den  Charakter  einer  gegenseitigen  freien  Aussprache  der  Schüler
unter  Beobachtung  gewisser  parlamentarischer  Formen  zu  geben.

3.  Die  Protokollierübungen  sind  mit  den  Vortragsübungen  zu  verbinden.  Um  auch  hierzu
allen  Schülern  wiederholt  Gelegenheit  zu  bieten,  lasse  man  mehrere  gleichzeitig  protokollieren.


4.  Die  Protokolle  dürfen  weder  stenographiert  noch  nachträglich  ausgearbeitet  werden,
sie  sind  am  Schlusse  der  Stunde  vorzulesen  und  zu  berichtigen.”  Pöschels  Grundsätze  verdienen
  warme  Empfehlung  und  eifrige  Nachfolge.  Veranlaßt  wurde  Pöschel  zu  seinen  Darlegungen
  durch  die  Bestimmung  der  Lehr-  und  Prüfungsordnung  für  die  sächsischen  Gymnasien
  vom  28.  Jan.  1898,  die  für  den  deutschen  Unterricht  in  Oberprima  ‘freie  Vorträge
  mit  Übungen  im  Protokollieren  und  Referieren’  vorschreibt.

Handbuch  für  Lehrer  höherer  Schulen.  13