194  Lyon:  Der  deutsche  Unterricht.

Die  Übungen  im  mündlichen  und  schriftlichen  Gedankenausdruck  können
gar  nicht  vielseitig,  verschiedenartig  und  mannigfaltig  genug  sein.  Man  betrachte
  jeden,  der  einem  jungen  Lehrer  vorschreiben  will:  ‘Diese  oder  jene  Art
von  Themen  sind  vom  Übel’,  als  einen  falschen  Propheten.  Nichts  ist  vom
Übel  als  die  Einseitigkeit;  sie  macht  unsere  Jugend  unbeholfen,  schwerfällig
und  befangen.  Vielseitigkeit  und  reiche  Abwechselung  sind  die  Quelle  der
Gewandtheit,  Selbständigkeit  und  Sicherheit.  Auch  hier  gilt  das  Wort:  ‘Wer
vieles  bringt,  wird  manchem  etwas  bringen’.  Daß  die  Vielseitigkeit  nicht  zu  einer
Verflüchtigung  oder  Verflachung  führt,  dafür  sorgt  die  einheitliche  und  lebendige
  Persönlichkeit  des  Lehrers,  die  nach  der  Individualität  des  Schülers  die
Forderungen  abzumessen  und  abzuändern  hat.  Gerade  durch  reiche  Abwechselung
  in  den  Übungen  wird  diesen  alles  Schablonenhafte  und  Pedantische  abgestreift,
  und  es  werden  dadurch  auch  die  verschiedensten  Seelenkräfte  und  Ausdrucksfähigkeiten
  geweckt  und  gefördert.

Gegenüber  dem  fortgesetzten  bloßen  Aufnehmen,  Empfangen,  dem  ununterbrochenen
  Gegängelt-  und  Geführtwerden,  auf  das  unsere  Jugend  heute  in  unseren
Schulen  vielfach  angewiesen  ist,  kann  gar  nicht  nachdrücklich  genug  gefordert  werden,
  daß  zeitweilig  auch  die  produktive  Tätigkeit  der  Schüler  angeregt  werde.  Ob
dabei  Halbreifes  oder  Unreifes  produziert  wird,  darauf  kommt  auch  nicht  das  geringste
  an.  Daß  überhaupt  produziert  wird  und  daß  die  Jugend  endlich  den  Mut
findet,  nicht  bloß  fortwährend  von  außen  in  sich  hineinpumpen  zu  lassen,  nicht
bloß  immer  zu  lernen  und  die  Werke  anderer  anzustaunen,  sondern  selbst  sich
zu  beteiligen  an  dem  fröhlichen  Schaffen  der  Geister  und  mitzuproduzieren,
wenn  auch  meist  nur  zu  reproduzieren,  das  ist  hierbei  die  Hauptsache  und  der
ausschlaggebende  Gesichtspunkt.  Die  Jugend  soll  vor  allem  lernen,  daß  man
mit  dem  Produzieren  nicht  warten  soll,  bis  man  die  Höhe  der  Weisheit  erklommen
  hat.  Wer  immer  nur  darauf  ausgeht,  sein  Wissen  zu  erweitern,  und
immer  nur  durch  neue  Belehrung  seine  frühere  Einsicht  aufhebt  und  durch
eine  höhere  ersetzt,  der  verlernt  zuletzt  ganz  und  gar  das  Können  und  ist  nicht
imstande,  den  Lebenskreis,  in  dem  er  wirkt,  auch  nur  um  einen  Schritt  vorwärts
  zu  bringen;  denn  er  wird  immer  nur  das  Beste  oder  das  früher  Geleistete
vor  Augen  sehen,  und  alles,  was  er  schaffen  möchte,  erscheint  ihm  ungenügend,
zu  weit  entfernt  von  dem  Ideale,  das  er  sich  nach  und  nach  zusammengearbeitet
  hat.  Er  vergißt,  daß  kein  Meister  vom  Himmel  fällt  und  daß  das  Beste
wohl  niemals  ganz  erreicht,  jedenfalls  nur  nach  und  nach  von  ganzen  (enerationen
  hervorgebracht  wird,  deren  eine  immer  die  andere,  vorhergehende  nach
irgendeiner  Seite  hin  in  ihren  Schöpfungen  überragt.  Während  die  Blüte
welkt,  reift  die  Frucht.  ‘Nur  das  Unzulängliche  ist  produktiv.’  Dieser
Weisheitssatz  Goethes  möchte  sich  recht  tief  unseren  Lehrern  und  überhaupt
unserem  Zeitalter  einprägen,  das  vor  greisenhafter  Gelehrsamkeit  und  übergroßer
  Bildung  immer  unproduktiver  wird.  Und  eben  weil  nur  das  Unzulängliche
  produktiv  ist,  so  sollen  wir  nicht  glauben,  daß  unsere  Jugend  bloß  dazu
da  sei,  mit  allen  Schätzen  der  Weisheit  und  Gelehrsamkeit  angefüllt  zu  werden,
sondern  vor  allem  auch  dazu,  zur  freien  Entfaltung  und  Übung  ihrer  frischen