Aufsatz  und  freie  Vorträge.  195

Kraft,  d.  h.  zu  einer  gewissen  produktiven  Tätigkeit  geführt  zu  werden.  Unzulänglich
  ist  die  Jugend  gewiß,  also  wird  sie  wohl  auch  produktiv  sein  können.

Und  wenn  man  dem  entgegenhält,  daß  die  Jugend  doch  nur  Irrtümer  und
Halbwahres  schaffen  könne,  so  ist  darauf  immer  und  immer  wieder  nur  das
schon  Gesagte  zu  erwidern,  daß  es  gar  nicht  darauf  ankommt,  was  der  Schüler
produziert,  sondern  daß  er  produziert.  Nur  eins  verlange  man:  Frische  und
Kraft,  alles  übrige  ist  unwesentlich  und  nebensächlich.

Mit  Unrecht  werden  daher  in  neuerer  Zeit  die  freien  Schülervorträge  immer
heftiger  bekämpft.  Man  sagt,  da  der  Schüler  in  seinen  Vorträgen  nichts  Klassisches,
  nichts  Vollendetes  bieten  könne,  so  sei  es  geboten,  daß  er  seine
Zeit  auf  etwas  Besseres  verwende  als  auf  das  Auswendiglernen  seiner  eigenen
dürftigen  Elaborate  Um  die  Nichtigkeit  dieses  Einwandes  zu  erkennen,  braucht
man  nur  einmal  einen  frischen  Jungen  beim  Spiel  zu  beobachten.  Er  läßt  das
glänzendste,  nach  allen  Regeln  der  Kunst  ‘formvollendet”  hergestellte  teure
Spielzeug  achtungslos  beiseite,  aber  er  baut  sich  mit  wahrem  Feuereifer  und
freudeblitzenden  Augen  ein  kleines  Haus  von  Lehm,  oder  eine  Festung  von
Sand,  oder  ein  Schiff  von  Weidenholz.  Der  ‘gebildete’  Erwachsene  sieht  mit
Verachtung  auf  das  plumpe,  unvollkommene  und  nutzlose  Erzeugnis,  und  doch
macht  das  kleine  unscheinbare  Ding  dem  Jungen  unendlich  mehr  Freude,  als
die  herrlichsten  Schöpfungen  der  Spielwarenindustrie.  Und  der  Grund?  Weil
er  es  selbst  geschaffen  hat,  weil  es  ihm  Gelegenheit  gegeben  hat  zu  einem
lustigen  freien  Spiel  seiner  Kräfte.  Und  genau  so  ist's  mit  den  freien  Vorträgen.
  Was  er  da  vorbringt,  mag  noch  so  unbedeutend  und  in  den  Augen
eines  strengen  Kunstrichters  noch  so  nichtenutzig  sein,  der  Schüler  freut  sich
im  Augenblicke  mehr  darüber,  als  über  all  die  herrlichen  Geisteswerke,  die  ihm
von  Stunde  zu  Stunde,  einmal  in  der  griechischen,  einmal  in  der  lateinischen,
einmal  in  der  deutschen,  einmal  in  der  französischen  usf.  vorgeführt  werden.
Denn  er  kann  doch  auch  einmal  seine  Kräfte  frei  spielen  lassen,  und  dieses
Gefühl  ist  für  ihn  so  beglückend,  daß  dagegen  alles  andere  in  den  Hintergrund
tritt.  Wer  seine  Jugend  lediglich  oder  auch  nur  vorwiegend,  um  einen  Aus-:
  druck  Bürgers  zu  gebrauchen,  mit  der  “Angaffung  fremder  Geisteswerke’  verbringt,
  von  dem  wird  die  Mitwelt  kaum  etwas  zu  erwarten  und  die  Nachwelt
sicher  nichts  zu  reden  haben.  Ich  kann  es  daher  nur  als  eine  Verirrung  betrachten,
  wenn  man  die  freien  Vorträge  bekämpft  oder  einschränkt.

Vor  allem  hüte  sich  aber  der  Lehrer  davor,  die  mangelhaften  Leistungen
der  Schüler  in  Vorträgen,  Aufsätzen  und  Deklamationen  mit  Hohn  oder  Spott
zu  übergießen.  Er  muß  vielmehr  überall  auch  den  bloßen  ehrlichen  und
starken  Willen  anerkennen,  wenn  dieser,  auch  in  einem  sonst  mißlungenen  Vortrage
  oder  Aufsatze,  zu  spüren  ist.  Er  kann  durch  ungeschickten  Tadel  den
Schüler  so  tief  verletzen,  daß  dessen  wahre  Natur  sich  nie  wieder  herauswagt,
daß  er  alle  Lust  an  schöpferischer  Tätigkeit  verliert,  daß  er  verschlossen,
verstockt  und  arbeitsunlustig  wird.  Nie  zeige  sich  der  Lehrer  als  ein  hochmütiger
  und  dünkelhafter  Besserwisser,  sondern  als  warmherziger  Freund  und
Kamerad  des  Schülers,  wenigstens  ist  dies  bei  allen  produktiven  Arbeiten  der

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