196  Lrox:  Der  deutsche  Unterricht.

Schüler  unbedingt  geboten.  Der  Lehrer,  der  es  versteht,  die  Selbsttätigkeit  der
Schüler  anzuregen  und  ihr  freieren  Lauf  zu  lassen,  als  es  gewöhnlich  geschieht,
wird  niemals  Schwierigkeiten  mit  der  Disziplin  haben,  da  ihm  gerade  die  kraftvollen
  Schülernaturen  vertrauen  und  willig  folgen  werden.  Es  muß  daher  hier
mit  vollster  Bestimmtheit  und  Deutlichkeit  ausgesprochen  werden,  daß  im  Mittelpunkte
  des  deutschen  Unterrichts  gar  nicht  die  Lektüre,  sondern  vielmehr  der
Aufsatz  und  der  freie  Vortrag  zu  stehen  hat.

Die  Kunsterziehungsbestrebungen  unserer  Zeit,  die  an  sich  mit  lebhafter
Freude  zu  begrüßen  sind,  sind  doch  zum  Teil  wieder  auf  die  falsche  Bahn  herkömmlicher
  theoretischer  Anschauungen  geraten,  indem  sie  die  Betrachtung  der
Kunstwerke,  das  Anschauen  von  Bildern,  das  Anhören  von  vorgetragenen  Dichtungen
  auf  den  beiden  Kunsterziehungstagen  in  Dresden  und  Weimar  in  den  Vordergrund
  gestellt  haben.  Während  aber  der  Kunsterziehungstag  in  Dresden,  der  sich
mit  der  bildenden  Kunst  beschäftigte,  die  Selbsttätigkeit  des  Schülers  in  trefflichen
Referaten  über  Zeichnen  und  Handfertigkeitsunterricht  immerhin  nachdrücklich
betonte,  hat  der  zweite  Kunsterziehungstag  in  Weimar,  der  den  Schwerpunkt
auf  Aufsatz,  freien  Vortrag,  Redeübungen  hätte  legen  müssen,  nach  dieser  Richtung
  hin  nur  wenig  Belangreiches  geleistet  und  sich  ganz  in  die  Betrachtung
des  sprachlichen  Kunstwerkes  verloren.  Bei  allem  Vortrefflichen,  was  Waetzoldt,
Rudolf  Lehmann,  Wolgast,  Kerschensteiner  und  andere  treffliche  Männer  dort
gesagt  haben,  muß  doch  darauf  hingewiesen  werden,  daß  die  künstlerischen
Kräfte  unseres  Volkes  nur  geweckt  und  gestärkt  werden  können  —  auch  in
bezug  auf  wirklichen  Kunstgenuß  —  durch  Befreiung  der  produktiven  Kraft
und  der  Selbsttätigkeit  unserer  Jugend,  die  heute  unter  der  Überfülle  dargebotener
  Geistesschätze  vielfach  geradezu  verschüttet  ist.  Schulung  des  Auges
und  der  Hand  durch  einen  nach  neuen  Grundsätzen  geleiteten  Zeichenunterricht,
  Schulung  des  mündlichen  und  schriftlichen  Gedankenausdrucks  durch
einen  ebenso  nach  gesunden  neueren  Anschauungen  geleiteten  Aufsatz-  und
Redeunterricht  werden  unsere  Jugend  wieder  zu  einem  lebendigen  Können,  zu
frischer,  freier,  schöpferischer  Kraft  und  zu  reiner,  starker  Genußfähigkeit  führen.)
Wie  der  moderne  Zeichenunterricht  mit  Recht  darnach  strebt,  das  Zeichnen  zu
einem  Ausdrucksmittel  zu  erheben,  vermöge  dessen  der  Schüler  mit  Stift  und
Farbe  erzählen  lernen  soll,  was  ihm  in  Kopf  und  Herzen  lebt,  so  kommt  es
auch  beim  deutschen  Unterricht  in  erster  Linie  darauf  an,  die  Sprache  als
Ausdrucksmittel  zu  behandeln  und  den  Schüler  zu  voller  Beherrschung  dieses
Ausdrucksmittels,  zu  einem  lebendigen  Können  zu  führen.  Kunst  kommt  her
von  Können,  was  leider  immer  und  immer  wieder  vergessen  zu  werden  pflegt.

!)  Im  einzelnen  verweise  ich  auf  die  Veröffentlichungen  der  beiden  Kunsterziehungstage
  in  Dresden  und  Weimar,  Leipzig,  Vogtländer  1901  und  1908,  sowie  auf  meine  Aufsätze:
  "Der  zweite  deutsche  Kunsterziehungstag  in  Weimar’,  ZDU.  XVII,  8.  678ff.  und
‘Schillergedächtnis  und  Schule’,  ZDU.  XIX,  S.  209ff.  Besonders  empfohlen  seien:  Der  Kunstwart,
  herausgegeben  von  F.  Avensrius;  die  Zeitschrift  ‘Der  Säemann’,  herausgegeben  von
der  Hamburger  Lehrervereinigung  für  die  Pflege  der  künstlerischen  Bildung,  Schriftleiter
Kurl  Götze,  Leipzig  1905;  Otto  Anthes,  Der  papierne  Drache;  O.  Kästner,  Zur  Aufsatzreform.
  Neue  Aufgaben  und  neue  Wege  aus  der  Praxis  für  die  Praxis,  Leipzig  1908.