Aufsatz  und  freie  Vorträge.  197

Wir  haben  endlich  in  Deutschland  eine  öffentliche  weltliche  Beredsamkeit
im  Parlament,  im  Gerichtssaal  und  bei  allen  kollegialen  Beratungen,  in  Vereinen,
wissenschaftlichen  und  politischen  Versammlungen  usw.  Wer  die  Geschichte
unserer  parlamentarischen  Beredsamkeit  betrachtet,  der  staunt  über  die  Unbeholfenheit,
  mit  der  anfangs  der  redeungewohnte  Deutsche  an  die  Öffentlichkeit
trat.  Erst  nach  und  nach  ist  er  zur  Beherrschung  der  mündlichen  freien  Rede
gelangt,  aber  noch  heute  sind  wirklich  gute  Redner,  wie  wirklich  gute  Stilisten
in  Deutschland  eine  Seltenheit.  Die  meisten  zittern  auch  heute  noch,  wenn  sie
öffentlich  sprechen  sollen,  und  die  meisten  ergehen  sich  dann  in  unbeholfenen
Wendungen  oder  in  ganzen  Reihen  von  nichtssagenden  Sätzen  und  Wiederholungen.
  Alles  das  erklärt  sich  lediglich  aus  Mangel  an  Übung  und  aus  der
daraus  folgenden  Befangenheit.  Gerade  unsere  Stände  der  höheren  Bildung
zeigen  diese  Schwäche  am  ausgeprägtesten.  Es  ist  ganz  falsch,  wenn  man,  um
diese  Schwäche  zu  verdecken,  gegen  die  ‘Eloquenz’  und  das  ‘Maulheldentum’
eifert.  Nein,  in  der  Rede  liegt  etwas  Schöpferisches,  Hinreißendes,  Begeisterndes,
  das  die  Massen  zwingt,  und  im  politischen  Kampfe,  wie  auch  sonst  im
Kampfe  der  Meinungen,  wird  die  Partei  den  Sieg  behaupten,  welche  die  besten
Redner  stellt.  Sollte  angesichts  solcher  Tatsachen  nicht  jeder,  der  nicht  in
einseitigen  Theorien  befangen  ist,  zu  der  Erkenntnis  kommen,  daß  es  dringend
notwendig  ist,  den  unendlich  langen  Bildungsgang  der  Jugend  unserer  gebildeten
  Stände  auch  dazu  auszunutzen,  daß  sie  sich  eine  größere  Fähigkeit,  öffentlich
  zu  sprechen,  aneignet,  und  mehr  Sicherheit  und  Gewandtheit  darin  erwirbt
  als  bisher?

Was  unsere  deutschen  Redner  am  meisten  an  einer  glücklichen  Beredsamkeit
hindert,  das  ist  wiederum  die  Angst  vor  dem  Fehler,  die  leider  unserer  Jugend
dadurch  eingeimpft  wird,  daß  noch  immer  in  unseren  Schulen  die  Sprachrichtigkeit
  im  deutschen  und  fremdsprachlichen  Unterricht  an  erster  Stelle  steht.  Es
kann  etwas  richtig,  geradezu  furchtbar  richtig  sein  und  doch  sprachlich  und
sachlich  recht  mittelmäßig,  ja  wirklich  schlecht.  Man  kann  es  nicht  scharf
genug  betonen,  daß  in  der  lebendigen  Rede  die  Sprachrichtigkeit  durchaus  nicht
an  erster  Stelle  steht,  sondern  die  frische,  anschauliche  Kraft,  die  Schärfe  und
Klarheit,  die  leuchtende  Bildkraft  der  Rede,  die  genaue  Übereinstimmung  zwischen
  Ausdruck  und  Sache.  Aliud  est  latine,  aliud  grammatice  loqui.  Dieser
gute  Spruch  des  alten  Quintilian  gilt  auch  von  dem  deutschen  schriftlichen
und  mündlichen  Gedankenausdruck  Th.  Vischer  hat  das  einmal  in  seinem
berühmten  Aufsatze  über  G.  Kellers  grünen  Heinrich  in  die  Worte  gekleidet:
‘Es  kommt  auf  ein  paar  Nachlässigkeiten  und  Härten,  auf  ein  Wärzchen  nicht
an,  wenn  nur  der  Satz  rote  Backen  hat.”  Der  größte  Redner  des  vorigen  Jahrhunderts,
  Fürst  Bismarck,  hat  fast  nie  glatte  Sätze  und  einwandfreie  Konstruktionen,
  aber  seine  Rede  ist  wie  aus  einem  Gusse,  klar,  hinreißend,  durch
machtvollen  Aufbau  des  Ganzen  überwältigend.!)  Wilhelm  Scherer  beklagt  es

ı\  Eine  Auswahl  von  Bismarcks  Reden  und  Briefen  gehört  in  jeden  deutschen  Schulunterricht.
  Vgl.  H.  Wunderlich,  Die  Kunst  der  Rede  in  ihren  Hauptzügen  an  den  Reden
Bismarcks  dargestellt.  Leipzig  1898.  —  Horst  Kohl,  Die  politischen  Reden  des  Fürsten