198  Lrox:  Der  deutsche  Unterricht.

mit  Recht,  daß  die  unorthographischen  Frauenbriefe,  wie  sie  zur  Zeit  der  Frau
Rat  Goethe,  die  in  ihren  Briefen  immer  den  Nagel  auf  den  Kopf  traf,  uns  in
so  liebenswürdiger  Weise  entgegentreten,  gegenwärtig  in  gebildeten  Kreisen
ganz  ausgestorben  seien.  ‘Was  ist  das  Streben  nach  Bildung  und  Feinheit,
ruft  er  aus,  oft  für  ein  Popanz!  Wie  unterdrückt  es  warm  ursprüngliche  Natur!’
Man  mache  also  den  Aufsatz  und  die  freie  Redeübung  nicht  zu  einem  grammatischen
  und  orthographischen  Spezimen,  und  man  vermeide  die  Jagd  auf  die
Fehler,  sondern  gehe  lieber  positiv  mitschaffend  auf  den  wirklichen  Gedankenausdruck
  des  Schülers  liebevoll  ein.!)

Ganz  wichtig  ist  hierbei  auch,  daß  aller  Aufsatz-  und  Redeunterricht
nicht  lediglich  der  logischen  Schulung,  sondern  vor  allem  auch  der  Entfaltung
  der  Phantasie  zu  dienen  hat,  ebenso  wie  die  Lektüre.  Denn  um  die
Schulung  des  Verstandes,  die  bei  der  Betrachtung  der  Wort-  und  Satzform
naturgemäß  überwiegt,  in  gesunder  Weise  zu  ergänzen  und  auszugleichen,  hat
der  deutsche  Unterricht  bei  allen  seinen  Aufgaben  vor  allem  auch  auf  Phantasie,
  Gefühl  und  Willen  einzuwirken  und  auf  deren  Gleichberechtigung  mit
dem  Verstande  hinzuweisen.  Das  geschieht  dadurch,  daß  der  Lehrer  überall
neben  der  Wortform  auch  den  Wortinhalt  bespricht.  Das  abstrakte  Denken,
dessen  Ausbildung  ja  immer  eine  Hauptaufgabe  alles  Unterrichtes  bleiben  wird,
muß  im  deutschen  Unterrichte  vor  allem  durch  gegenständliches  Denken,  durch
lebendige  Anschaulichkeit  ergänzt  werden.  Das  Denken  in  konkreten  Anschanungen,
  in  Bildern,  bezeichnen  wir  kurz  als  Phantasie.  Damit  ist  freilich  der
Begriff  der  Phantasie  noch  nicht  erschöpft.  Vielmehr  müssen  wir  uns  vergegenwärtigen,
  daß  die  Phantasievorstellungen  niemals  unmittelbar  durch  die  Sinne
gegeben  sind  und  daB  sie  daher  von  der  gegebenen  Wirklichkeit  häufig  abweichen,
  indem  sie  auch  rein  imaginäre  Vorstellungen  aufnehmen  und  die  Vorstellungen
  ohne  Rücksicht  auf  die  Kausalität  des  wirklichen  Lebens  miteinander
verbinden  können.  Dadurch  wird  die  Phantasie  aber  die  Grundlage  alles  dessen,

Bismarck,  Stuttgart  1892—1894,  12  Bände.  —  Eine  Auswahl  bietet:  O.  Lyon,  Bismarcks
Reden  und  Briefe  nebst  einer  Darstellung  des  Lebens  und  der  Sprache  Bismarcks,  Leipzig
1895.  —  Die  Briefe  behandelt  besonders  Th.  Matthias,  Bismarck  als  Künstler  nach  den
Briefen  an  seine  Braut  und  Gattin.  Eine  sprachlich-psychologische  Skizze,  Leipzig  1902.  —
Die  Redekunst  im  allgemeinen  behandelt  gut  und  geschickt:  Adolf  Philippi,  Die  Kunst
der  Rede.  Eine  deutsche  Rhetorik,  Leipzig  1896.

1)  Aus  der  Fülle  der  Aufsatzliteratur  seien  hier  hervorgehoben:  O.  Apelt,  Der  deutsche
Aufsatz  in  der  Prima  des  Gymnasiums.  Ein  historisch-kritischer  Versuch.  Leipzig  1883.  —
W.  Strehl,  Der  deutsche  Aufsatz  für  die  Mittelstufe  höherer  Schulen.  Berlin  1895.  —
O.  Weise,  Musterstücke  deutscher  Prosa  zur  Stilbildung  und  zur  Belehrung.  Leipzig  1908.
—  F.  Schultz,  Die  Grundzüge  der  Meditation.  Dessau  1887,  und  Meditationen,  eine
Sammlung  von  Entwürfen,  neubearbeitet  von  Theodor  Matthias,  Dresden  1903ff.  —
Th.  Matthias,  Aufsätze  aus  Oberklassen,  Leipzig  1906.  —  G.  Legerlotz,  Der  deutsche
Aufsatz  auf  der  Oberstufe.  Berlin  1902.  —  Haselmayer,  Neues  Aufsatzbuch.  Würzburg
1896.  —  M.  Hensthke,  Deutsche  Prosa,  ausgewählte  Reden  und  Essays,  Leipzig  1906.
—  Laas,  Der  deutsche  Aufsatz,  bearbeitet  von  Imelmann.  Berlin  1894.  —  Mosengel,
Deutsche  Aufsätze  für  die  Mittelklassen  höherer  Lehranstalten  im  Anschluß  an  den  deutschen
Lesestoff.  Leipzig  1901.  —  Karl  Jul.  Krumbach,  Deutsche  Aufsätze,  Leipzig  1890  ff.