Besprechung  des  Wortinhaltes.  199

was  man  gewöhnlich  unter  dem  Namen  Idealismus  zusanımenfaßt.  Dadurch
wird  es  dem  Menschen  möglich,  auch  über  dem  Wirklichen  stehende  Zustände
zu  denken,  zu  erfahren,  zu  erträumen.  So  sehen  wir  z.B.  in  der  Gesamtphantasie
  eines  Volkes  häufig  in  Sage,  Märchen,  Mythologie  ersehnte  religiöse  und
sittliche  Zustände  vielfach  geschildert.  Immer  aber  ist  die  Phantasie  ein  planvoll
geregelter  Gedankenverlauf.  Diese  Regelung  geschieht  durch  den  Willen.  Wir
wägen  die  verschiedenen  durcheinander  flutenden  Vorstellungen  gegeneinander
ab  und  verbinden  sie  zu  neuen  Gebilden,  selbständig  schaffend.  Die  Regelung
geschieht  nun  in  der  Weise,  daß  eine  Grundanschauung,  ein  Grundmotiv
festgehalten  wird,  auf  dem  alle  übrigen  Vorstellungen  sich  aufbauen  und  zu
dem  sie  in  Beziehung  gesetzt  werden.  Dadurch  erhalten  die  Phantasieerzeugnisse
  die  notwendige  Einheit.  Das  reiche  Spiel  der  Assoziationen  wird  aber
nun  vor  allen  Dingen  herbeigeführt  durch  die  Gefühle,  die  sich  mit  den  Vorstellungen
  verknüpfen;  so  ruft  das  weite,  unermeßliche  Meer  in  uns  erhabene
Gefühle,  schlechtes  Wetter  eine  gedrückte  Stimmung,  heiteres  Wetter  frohe
Laune  usw.  hervor.  Auch  der  erste  Plan  zu  einer  Dichtung,  das  beherrschende
Grundmotiv,  wird  in  der  Regel  durch  das  Spiel  der  Assoziationen  in  der
Seele  erzeugt  und  tritt  gewöhnlich  ganz  plötzlich  und  mit  einem  Schlage  in
der  Seele  auf.  Dieses  Auftreten  des  Grundmotivs  ist  die  eigentliche  dichterische
Konzeption,  auf  die  nach  Goethe  ‘bei  jedem  Kunstwerk,  groß  oder  klein,  bis
ins  kleinste  alles  ankommt.  Abgeklärt,  geregelt  und  berichtigt  wird  das  durch
den  reichen  ZuflußB  von  Vorstellungen  entstandene  und  weiter  ausgestaltete
Grundmotiv  nun  häufig  durch  den  logischen  Verstand;  die  Einheit  der  weiter
hinzutretenden  Vorstellungen  wird  aber  durch  den  Willen  festgehalten,  der  alle
Assoziationen  verwirft,  die  nicht  zu  dem  Anschauungsbereiche  des  Grundmotivs
passen.  Daher  ist  alle  Phantasieschulung  zugleich  eine  großartige  Willensschulung.

Die  Phantasie  ist  also  vor  allen  Dingen  nach  zwei  Seiten  hin  tätig:  sie
denkt  anschaulich  und  sie  verknüpft  die  immer  neu  zu  dem  Grundmotiv
hinzutretenden  Vorstellungen  in  eigenartiger  Weise.  Wir  unterscheiden  daher
nach  Wundt!)  eine  anschauliche  und  eine  kombinatorische  Phantasie,
die  wir  nur  selten  bei  einem  Dichter  in  gleicher  Stärke  vereinigt  finden.  So
überwiegt  bei  Goethe  entschieden  die  anschauliche,  bei  Schiller  die  kombinatorische
  Phantasie.  Goethes  Stärke  liegt  in  seinem  gegenständlichen  Denken,
in  dem  anschaulichen  Erfassen  und  strengen  Festhalten  des  Grundmotivs,  Schiller
dagegen  denkt  weit  abstrakter,  vermag  aber  durch  seine  Phantasie  das  Grundmotiv
  mannigfach  umzugestalten  und  die  originellsten  Vorstellungskombinationen
  daran  zu  knüpfen.

Die  Betrachtung  des  Inhalts  der  Worte  ist  nun  ein  Hauptmittel,  um
die  Phantasietätigkeit  des  Schülers  anzuregen.  Nichts  fesselt  den  Schüler  so
lebhaft,  als  wenn  er  Einblick  erhält  in  die  Entwickelung  der  Worte  und  der
Wortbedeutungen  und  an  sprachlichen  Erscheinungen  den  Gang  der  Kulturgeschichte
  kennen  lernt.  Der  konkrete,  sinnliche  Inhalt  der  Worte  muß  überall

)  Vgl.  hierzu  Wundts  Grundriß  der  Psychologie,  6.  Aufl.,  Leipzig  1904,  der
für  den  Lehrer  des  Deutschen  unentbehrlich  ist.