200  Lros:  Der  deutsche  Unterricht.

herausgearbeitet  und  dem  Schüler  zum  Bewußtsein  erweckt  werden.')  Wendungen
wie:  sein  Schäfchen  ins  Trockene  bringen,  jemand  auf  den  Sand  setzen,  eine
Lanze  brechen,  ein  Fest  begehen,  die  Schranken  durchbrechen,  einen  Korb  geben
uew.,  Wörter  wie  Kopf,  Zweck,  Schiff  und  Geschirr,  schlecht,  albern  u.  a.  müssen
in  ihrer  sprach-  und  kulturgeschichtlichen  Entwicklung  aufgehellt,  Euphemismen
wie  potztausend,  potz  Sapperment,  pfui  Deichsel  u.  a.,  ebenso  übliche  Volksetymologien
  wie  Zanktippe,  rattenkahl  usw.  in  ihrer  Eigenart  besprochen
werden.  Man  darf  sich  aber  nicht  damit  begnügen,  den  alten  kulturgeschichtlichen
  Inhalt  und  die  in  der  Etymologie  begründete  Bedeutungsentwickelung
wichtiger  Wörter  zu  entfalten,  sondern  man  muß  auch  die  Wörter  in  den  Bereich
  der  Betrachtung  ziehen,  denen  das  geistige  und  gesellschaftliche  Leben
der  Gegenwart  ihren  besonderen  Inhalt  und  ihr  eigenartiges  Gepräge  verliehen
hat.  Wenn  wir  Wörter  wie  Kapital,  Geld,  Arbeit,  Arbeitsteilung,
Sport,  Pflicht,  sozial,  sozialpolitisch,  antisozial,  Einkommen,  Arbeitslohn,
  Gehalt,  Rente  u.  a.  genau  auf  ihren  Inhalt  prüfen  und  diesen
Wortinhalt  in  gemeinsamer  Arbeit  mit  den  Schülern  aufsuchen  und  feststellen,
so  schaffen  wir  dadurch  in  dem  heranwachsenden  Geschlechte  ein  mächtiges
Bollwerk  gegen  die  Übermacht  der  Phrase.  Der  Hexenkessel  der  Phrase,  in
den  wir  unser  heranwachsendes  Geschlecht  ohne  hinreichende  Ausrüstung  zum
Widerstande  und  Kampfe  hineingeraten  lassen,  weil  häufig  nur  die  Form  der
Wörter  und  Sätze  und  viel  zu  wenig  ihr  Inhalt  betrachtet  wird,  ist  vielleicht
  die  schwerste  Gefahr  unter  allen,  die  dem  jungen  Manne  gleich  nach
dem  Austritte  aus  der  Schule  droht.  Die  lexikalische  Seite  unserer
Sprache  verlangt  die  gleiche  Berücksichtigung  wie  diegrammatische.
Dies  ist  ein  Fundamentalsatz  des  neueren  deutschen  Unterrichts,  der  in  der
Schule  niemals  ungestraft  vernachlässigt  wird.

Die  Behandlung  des  Fremdwortes  ist  hierbei  natürlich  nicht  auszuschließen.
  Man  wird  hier  dem  Standpunkte  des  Allgemeinen  deutschen  Sprachvereins:
  ‘Kein  Fremdwort  für  das,  was  deutsch  gleich  gut  ausgedrückt  werden
kann’  beizupflichten  haben.  Es  ist  also  nur  das  entbehrliche  Fremdwort  zu
meiden,  nicht  das  Fremdwort  überhaupt.)  Der  Geschichte  manches  Fremd-1)

  Gute  Hilfsmittel  sind:  W.  Borchardt,  Die  sprichwörtlichen  Redensarten  im
deutschen  Volksmunde,  bearbeitet  von  G.  Wustmann,  Leipzig  1895.  —  Albert  Richter,
Deutsche  Redensarten.  Leipzig  1898.  —  H.  Schrader,  Der  Bilderschmuck  der  deutschen
Sprache.  Weimar  1896.  —  Karl  Müller-Fraureuth,  Aus  der  Welt  der  Wörter.  —  Das
deutsche  Wörterbuch  (Grimm)  ist  natürlich  unentbehrlich,  treffliche  Ergänzungen  bietet
Pauls  Deutsches  Wörterbuch.  Waag,  Bedeutungswandel  (s.  0.  S.  180  Anm.)  ist  vortrefflich
zu  verwenden.  —  In  meiner  Schrift  ‘Die  Lektüre  als  Grundlage  eines  einheitlichen  und  naturgemäßen
  Unterrichts  in  der  deutschen  Sprache’,  Leipzig,  3.  Aufl.  1904,  habe  ich  vor  allem
zwei  Gesichtspunkte  durchgeführt:  1.  Auch  die  Lektüre  hat  in  letzter  Linie  dem  Aufsatz
zu  dienen  und  den  Schüler  zur  Selbsttätigkeit  in  Aufsatz  und  freien  Vorträgen  hinzuführen;
  2.  der  Wortschatz  ist  sprach-  und  kulturgeschichtlich  zu  erfassen.  —  Wertvoll  ist:
Arnold  Zehme,  Die  Kulturverhältnisse  des  deutschen  Mittelalters.  Im  Anschluß  an  die
Lektüre  zur  Einführung  in  die  deutschen  Altertümer  im  deutschen  Unterricht  dargestellt.
Leipzig  1908.

#,  Die  Verdeutschungswörterbücher  von  Dunger,  Leipzig  1882,  und  Sarrazin,  2.  Aufl.