Besprechung  des  Wortinhaltes.  Fremdwort.  201

wortes  wird  man  mit  ebenso  großer  Liebe  nachzugehen  haben,  wie  der  der
deutschen  Wörter,  z.  B.  Literatur,  Idealismus,  Realismus,  Milieu,  Naturalismus,
Symbolismus,  Monarchie,  Demokratie,  Parlament,  Republik  usw.

Lektüre.  Die  zweite  Hauptaufgabe  alles  deutschen  Unterrichtes  ist  die
Einführung  der  Jugend  in  unser  Schrifttum.  Auch  hier  ist  davon  auszugehen,
daß  die  gesprochene  Rede  das  Ursprüngliche  ist.  Man  hat  daher  zunächst  dem
Schüler  zum  Bewußtsein  zu  bringen,  daß  eine  Dichtung,  ein  Aufsatz  usw.  das
volle  Leben  erst  in  der  gesprochenen  Rede  erlangt  und  daß  hier  von  der  Betonung
  außerordentlich  viel,  oft  alles  abhängt.  Der  Lehrer  des  Deutschen
muß  vor  allem  imstande  sein  gut  vorzulesen.  Denn  die  beste  Einführung  in
eine  Dichtung  ist  der  gute  mündliche  Vortrag  durch  den  Lehrer‘)  Das  muß
ohne  weiteres  als  eine  Grundwahrheit  alles  deutschen  Unterrichts  anerkannt
werden.  Bei  kleineren  lyrischen  Gedichten  wird  häufig  das  bloße  gute  Vorlesen
  genügen,  um  den  Stimmungsgehalt  auszulösen,  aber  für  die  weitaus  größte
Zehl  der  Dichtungen,  namentlich  für  alle  umfangreicheren  künstlerischen  Gebilde
  genügt  es  natürlich  nicht.  Hier  muß  vielmehr  dem  Vorlesen  eine  eindringende,
  tiefgehende  Analyse  der  Dichtung  nach  Form  und  Inhalt  folgen.?)

Das  Schlimmste,  was  einem  Schüler  geschehen  kann  und  was  alle  Entfaltung
  der  Kraft,  auch  die  zur  Kunst  hin,  unterbindet,  ist  die  Verurteilung
des  Schülers  zur  Passivität,  zu  untätigem  Hören.  Die  Selbsttätigkeit  des
Schülers  darf  niemals  unterdrückt,  sondern  sie  muß  gesteigert  und  in  die  richtigen
  Bahnen  geleitet  werden.  Die  Entfaltung  der  Selbsttätigkeit  macht  den
Schüler  glücklich  und  froh  und  leitet  ihn  mit  Sicherheit  zu  dem  Ziel  aller
Schulung:  zur  Kraftbildung,  zur  Beherrschung  und  Klärung  seines  dunklen
Trieblebens  und  zur  klaren  Festigkeit  in  den  Grundlagen  alles  dessen,  wozu

1888,  sowie  des  Allgemeinen  deutschen  Sprachvereins  bieten  gute  Verdeutschungen  dar.  —
Das  ganze  Gebiet  umfaßt  Heyses  Fremdwörterbuch  mit  Bezeichnung  der  Aussprache  und
Betonung  der  Wörter  nebst  genauer  Angabe  ihrer  Abstammung  und  Bildung,  neubearbeitet
  von  O.  Lyon,  Hannover  1903.  18.  Aufl.

!)  Dem  Lehrer  ist  zu  empfehlen:  Palleske,  Die  Kunst  des  Vortrags.  Stuttgart  1892.
Walter  Parow,  Der  Vortrag  von  Gedichten  als  Bildungsmittel  und  seine  Bedeutung  für
den  deutschen  Unterricht.  Berlin  1886..—  W.  Münch,  Die  Pflege  des  mündlichen  deutschen
Ausdrucks,  ZDU.  III,  29ff,,  nun  auch  in  Münchs  Vermischten  Aufsätzen.

”,  Von  Erläuterungswerken  seien  hervorgehoben:  R.  u.  W.  Dietlein,  Dr.  O.  Frick,
Dr.  H.  Gaudig  und  Fr.  Polack,  Aus  deutschen  Lesebüchern.  6  Bände,  Leipzig  1902  ff.
Der  6.  Band,  1905,  enthält  das  griechische  Drama,  von  Dr.  Joh.  Geffken.  —  Otto
Anthes,  Dichter  und  Schulmeister..  Yon  der  Behandlung  dichterischer  Kunstwerke  in  der
Schule.  Leipzig  1904.  —  Allgemeine  Grundlinien  ziehen:  Paul  (toldscheider,  Die  Erklärung
  deutscher  Schriftwerke  in  den  oberen  Klassen  höherer  Lehranstalten.  Grundlinien
einer  Systematik.  Berlin  1889.  —  A.  Biese,  Pädagogik  und  Pocsie.  1.  Bd.  Berlin  1900.
2.  Bd.  Neue  Folge,  Berlin  1905  (von  grundlegender  Bedeutung).  —  Hermann  Steuding,
Die  Behandlung  der  deutschen  Nationalliteratur  in  der  Oberprima  des  Gyınnasiums  an  den
Hauptwerken  Goethes  erläutert.  Leipzig  1898.  —  A.  Schönbach,  Lesen  und  Bildung.
Graz  1900.  —  O.  Lyon,  Die  Lektüre  usw.  (s.  oben  S.  175  Anm.).  —  O.  Weise,  Ästhetik
der  deutschen  Sprache.  Leipzig  1903.  —  Joh.  Boock,  Sprachästhetik.  Berlin  1902.  —
E.  Hiemann,  Das  dichterische  Kunstwerk  in  der  Schule  (in  der  Leipziger  Lehrerzeitung
1905,  Nr.  40).