202  Lyon:  Der  deutsche  Unterricht.

ihn  später  Wissenschaft,  Kunst,  Leben  als  zu  seinem  eigentlichen  Lebenskreise
führen.  Schon  Goethe  sagte:  ‘Ich  kann  das  Predigen  nicht  vertragen;  ich
glaube,  ich  habe  in  meiner  Jugend  mich  daran  übergessen’.  Dieses  Wort  richtet
sich  keineswegs  gegen  die  kirchliche  Predigt,  sondern  lediglich  gegen  das  deduktive
  Vortragen  induktiv  zu  entwickelnder  Wahrheiten.  Selbsttätig  will  die
Jugend  sein,  und  sie  ist  des  Lehrers  eigentlich  nur  um  deswillen  bedürftig,  daß
ihr  mächtiger  Tätigkeitstrieb  vor  Irrwegen  bewahrt,  richtig  abgemessen,  sorglich
  entwickelt,  gesteigert  und  auf  die  rechten  Ziele  gelenkt  wird.

Freilich  bringt  die  sorgfältige  Schulung  der  angeborenen  Natur  und  Kraft
für  jeden  Begabten  eine  lange  Zeit  das  Gefühl  mit  sich,  als  ob  durch  das
strenge  Studium  Natur  und  Kraft  verloren  gegangen  wären.  Jeder  Vorwärtsstrebende
  macht  in  seinem  Entwickelungsgange  diese  Erfahrung.  Aber  dieses
Gefühl  der  Ermattung  ist  nur  eine  natürliche  Reaktion  gegen  das  stürmische
Vorwärtsschreiten  reich  beanlagter  Menschen.  Nach  einiger  Zeit  kehren  Kraft
und  Natur  wieder,  aber  erhöht,  gereinigt,  gestärkt,  und  die  höchsten  Leistungen
der  Kunst  und  Wissenschaft  entspringen  nun  erst  dieser  durch  Schulung  und
Studium  gesteigerten  und  erhöhten  Natur  und  Kraft.  Bei  Goethe  und  Schiller
beobachten  wir  ganz  deutlich,  wie  sie  fast  ein  Jahrzehnt  hindurch,  als  sie  in
ihrem  Studium  in  die  Tiefe  drangen,  nicht  die  Kraft  zu  hervorragender  poetischer
  Produktion  besaßen;  sie  schwiegen.  Aber  dann  kam  die  alte  Kraft
wieder,  nur  beschwingt  durch  die  aus  dem  Studium  gewonnenen  größeren  und
tieferen  Anschauungen  und  Gedanken  und  gestählt  durch  die  eiserne  Übung  im
strengen  Studium,  und  herrliche  Meisterwerke  gingen  aus  dieser  Vereinigung
von  Natur  und  Studium  hervor.  Darum  sagt  Goethe  mit  tiefem  Verständnis
für  diese  Frage:

Es  gilt  wohl  nur  ein  redliches  Bemühen!

Und  wenn  wir  erst  in  abgemeßnen  Stunden

Mit  Geist  und  Fleiß  uns  an  die  Kunst  gebunden,
Mag  frei  Natur  im  Herzen  wieder  glühen!

Die  Verächter  einer  strengeren  Analyse  unserer  Isesestücke  wollen  dieses
‘redliche  Bemühen’  ausschalten.  Sie  wollen  nur,  wie  Rousseau,  die  vor  dem
Studium  liegende  Natur  anerkennen.  Das  bedeutet  aber  einen  Verzicht  auf  die
durch  das  strenge  Studium  gesteigerte,  erhöhte,  gereinigte  und  verklärte  Natur
und  Kraft,  aus  der  dann  erst  die  größten  und  herrlichsten  Werke  der  Kunst,
Wissenschaft  und  Technik  hervorgehen.  Es  hieße  für  alle  Zukunft  auf  solche
Werke  höchster  Art  verzichten,  wenn  wir  dem  unseligen  Drängen,  nur  bei  der
Betätigung  der  ersten,  nicht  gesteigerten  und  erhöhten  Natur  in  bloßem  Anregen,
  Vorlesen  und  gelegentlichen  Bemerkungen  stehen  zu  bleiben,  nachgeben
und  das  strenge,  ernste,  wenn  auch  zuweilen  nüchterne  Studiun:  unserer  Sprache
und  Dichtung  aus  unserer  Schule  ästhetisierender  Oberflächlichkeit  zuliebe  beseitigen
  wollten.  Zum  Genusse  des  Echten,  Großen,  Wahren  in  der  Kunst
führt  nur  das  tiefere  Kunstverständnis.  Und  in  dieses  dringen  wir  nur  ein
durch  ernste,  strenge  Arbeit,  durch  feinsinnige,  tiefdringende  Analyse  einzelner
Dichtwerke.