Lektüre.  203

Daher  sind  auch  die  Erläuterungsschriften  nicht  in  Bausch  und  Bogen
zu  verwerfen,  wie  es  jetzt  häufig  geschieht.  Der  Kampf  gegen  die  schlechte
und  unwäürdige  Erläuterungsliteratur  ist  vollberechtigt,  aber  Jie  guten  Erläuterungswerke
  können  wir  gar  nicht  entbehren.  Selbstverständlich  sind  sie
nicht  dazu  geschrieben,  daB  die  Lehrer  des  Deutschen  ihren  Unterrichtsstunden
ohne  weiteres  solche  Erläuterungsschriften  zugrunde  legen  und  in  ihren  Lektionen
  genaue  Abdrücke  soleher  Erläuterungsvorlagen  darbieten  sollen.  So  tief
steht  wohl  heute  kein  Lehrer  in  seiner  Unterrichtskunst,  daß  er  sich  ängstlich
an  ein  derartiges  Erläuterungswerk  anklammerte.  Die  Erläuterungsschriften
haben  vielmehr  einen  ganz  anderen  Zweck.  Zunächst  wollen  sie  überhaupt  dem
Werke  eines  Dichters  eine  neue,  tiefere  Deutung  geben  oder  das  Werk  in  eine
neue,  dem  Verständnis  des  Dichters  förderliche  Beleuchtung  rücken.  Oder  sie
wollen  die  Dichtung  der  Menge  der  Gebildeten  oder  der  breiten  Masse  des
Volkes  näher  bringen.  Beide  Aufgaben  sind  so  groß  und  herrlich,  daß  man
getrost  sagen  kann:  eine  solche  Interpretationskunst  erobert  den  neuen  großen
Werken  echter  Kunst,  die  anfangs  ja  im  Volke  fast  niemals  Verständnis
finden,  nach  und  nach  den  Platz  im  Herzen  des  Volkes,  der  ihnen  gebührt.
Man  denke  nur  an  die  Meisterwerke  Goethes  und  Schillers,  die  anfangs  von
der  Gesamtheit  entschieden  abgelehnt  und  erst  durch  die  unermüdliche  Arbeit
genialer  Interpretatoren  in  schwerem  Kampfe  zur  Anerkennung  gebracht  wurden.

Hat  doch  Goethe  selbst  eine  Erläuterung  seines  Gedichtes  ‘Die  Harzreise’
geschrieben.  Haben  doch  beide  in  ihrem  Briefwechsel  ein  unsterbliches  Denkmal
  solcher  Erläuterungen  errichtet.  Auch  hat  Goethe  wiederholt  seinen  Auslegern
  lebhafte  Anerkennung  gezollt.  Ja,  Goethe  hat  sogar  in  seiner  Erläuterung
  “Über  die  Ballade  vom  vertriebenen  und  zurückkehrenden  Grafen’  die  elf
Strophen  seiner  Dichtung  durch  prosaische  Darstellung  der  tatsächlichen  Grundgedanken
  jeder  einzelnen  Strophe  erklärt  und  ist  dadurch  das'meisterliche  Vorbild
  zahlreicher  in  seinen  Spuren  wandelnder  Erklärer  geworden.  Da  bemerkt
Goethe  ganz  klipp  und  klar:  ‘Ich  konnte  doch  beim  Vortrag  (der  Ballade)  öfters
bemerken,  daß  selbst  geistreich-gewandte  Personen  nicht  gleich  zum  erstenmal
ganz  zur  Anschauung  der  dargestellten  Handlung  gelangten.  Da  ich  nun  aber
nichts  daran  ändern  kann,  um  ihr  mehr  Klarheit  zu  geben,  so  gedenk’  ich  ihr
durch  prosaische  Darstellung  zu  Hilfe  zu  kommen.’  Die  Interpretationskunst
steht  von  alters  her  ehrenvoll  neben  der  Dichtkunst  als  deren  sturmerprobte  und
treubewährte  Genossin,  Helferin  und  Bahnbrecherin.

Der  Lehrer  darf  nur  nicht  in  den  Irrtum  verfallen,  daß  die  in  solchen
Erläuterungsschriften  gegebenen  zahlreichen  Sprach-  und  Sacherklärungen  dem
Schüler  von  dem  Lehrer  mitgeteilt  werden  müßten.  Vielmehr  genügt  es,  wenn
der  Lehrer  sie  in  der  Stunde  gegenwärtig  hat,  schon  um  etwaige  Fragen  der
Schüler  beantworten  zu  können,  vor  allem  aber,  um  alle  psychischen  Hemmungen,
die  sich  bei  vielen  Schülern  geltend  machen,  indem  der  Schüler  an  einzelnen
Ausdrücken  unwillkürlich  hängen  bleibt  und  über  zahlreiche  derartige  Bedenken
  nicht  hinauskommt,  siegreich  zu  überwinden.  Alles,  was  die  Erklärer
von  Dichtungen  sagen,  ist  für  den  Lehrer  nur  schätzbarer  Stoff  für  die  künstlerische