Lektüre.  205

Eigentümlichkeit  unserer  Sprache  Anlaß,  daß  wir  nicht  schlechtweg  betonte
und  unbetonte  Wörter  haben,  sondern  die  betonten  wieder  in  haupt  und
nebentonige  scheiden.  Die  Lachmannschen  Ausdrücke  Hoch-  und  Tiefton  wird
man,  da  sie  von  der  neueren  Wissenschaft  zur  Benennung  des  musikalischen
Akzentes  gebraucht  werden,  für  den  dynamischen  Akzent  nicht  mehr  verwenden
und  nach  dem  Vorgange  von  Sievers  besser  durch  die  Bezeichnungen  Haupt-  und
Nebenton  ersetzen.

Man  kann  hier  von  der  Schwierigkeit  ausgehen,  die  es  dem  Ausländer
macht,  deutsche  Wörter  wie  Ausstellung,  Mitteilung,  Vorlesung  usw.  nicht
fälschlich  als  Ausstellung,  Mitteilung,  Vorlesung  usw.  auszusprechen,  und
dann  an  solchen  Beispielen  das  Gesetz  entwickeln,  daß  die  deutsche  Sprache
in  zusammengesetzten  Wörtern  dem  Bestimmungsworte  zwar  den  Hauptton,
aber  der  Stammsilbe  des  Grundwortes  einen  Nebenton  gibt.  An  Wörtern
wie  unglaublich  und  unglaublich,  unmöglich  und  unmöglich  u.  a.  läßt
sich  der  wichtige  Unterschied  zwischen  dem  logisch-grammatischen  und
dem  rhetorisch-rhythmischen  Tone  erörtern.  So  ruht  der  Ton  in  Adjektiven
  auf  der  Vorsilbe  un,  wenn  lediglich  die  Verneinung  ausgedrückt  werden
soll,  z.  B.:  die  Nachricht  ist  unglaublich;  dieser  Fall  ist  unmöglich  usw.
Rein  rhetorisch  wirkt  jedoch  die  Tonverlegung  auf  die  zweite  Silbe,  indem  die
Wörter  unglaublich,  unmöglich  u.  a.  dadurch  lediglich  zu  steigernden  Ausdrücken
  werden,  z.  B.:  Es  ist  ungläublich  (d.  h.  außerordentlich),  was  er  leistet;
er  ist  unglaublich  glücklich;  das  kann  er  unmöglich  gesagt  haben  usw.
Diese  rhetorische  Akzentverlegung,  die  wohl  vorwiegend  dem  Streben  nach
einer  besonderen  Wucht  des  Tones  im  zweiten  Teile  der  Zusammensetzung  entspringt
  (vielleicht  unter  Einwirkung  fremder  Vorbilder,  man  vergleiche  rednerische
  Lieblingsworte  wie:  monumental,  fundamental  u.  a.,  oder  unter  dem
Einflusse  norddeutscher  Sprechweise,  man  vergleiche  die  norddeutsche  Aussprache:
Bürgerme6ister,  notwendig,  Prinzessinnen  u.  a.),  findet  sich  in  allen  Steigerungen
  durch  vorgesetztes  all:  z.  B.  allwissend,  allgütig,  allmächtig,  Alldeutschland
  usw.,  dann  aber  auch  in  Wörtern  wie:  vollkommen,  willkönmen,  wahrhaftig,
teilhaftig,  eigentümlich,  barmherzig,  wahrscheinlich,  leibhaftig,  Jahrhundert  u.  a,
auch  in  einfachen  Wörtern  wie:  lebendig,  Forelle,  Holünder  usw.,  und  namentlich
  in  Ortsnamen:  Wörishofen,  Nordhausen,  Mühlhausen,  Blankenese,  Blankenberge,
  Bremerhafen,  Kuxhafen  usw.

Ebenso  lassen  sich  bei  der  Betrachtung  des  Satztones  bestimmte  Gesetze
finden.  Das  Hauptgesetz,  daß  das  bestimmende  Wort  einen  stärkeren  Ton  erhält
  als  das  bestimmte,  z.  B.  das  Haus  des  Vaters;  er  eilt  heim;  die  Rose
blüht  schön  usw.,  werden  die  Schüler  leicht  erkennen.  Man  kann  diesen  Ton
wiederum  den  logischen  nennen  und  davon  den  rhetorischen  scheiden,  der
bestrebt  ist,  das  letzte  Glied  einer  Satzteilgruppe  oder  eines  Satzes  hervorzuheben.
  So  sagt  man  mit  richtigem  logischen  Tone:  der  Faust  Goethes,
dieses  Werk  Schillers,  der  Sturm  heult,  der  Wind  braust  usw.,  aber  mit
rhetorischer  Tonverlegung:  Goethes  Faust;  Schillers  Werke;  es  heult  der
Sturm,  es  braust  der  Wind  usw.  Zeigt  man  dann  noch,  wie  sich  häufig