Lektüre.  207

Sexta  und  Quinta  muß  daher  eine  Auswahl  aus  Grimms  Märchen  und  kleinere
Prosserzählungen  aus  der  deutschen  Heldensage  enthalten,  z.  B.  Abschnitte  aus
der  Karls-  und  Rolandssage  nebst  den  entsprechenden  Gedichten  Uhlands,  einzelnes
aus  der  Dietrichsage,  die  Sage  von  Lohengrin,  vom  Wartburgkrieg  u.a.  Der
Quarta  wird  neben  anderen  Sagen  eine  Prosaerzähblung  der  Nibelungen,  der
Untertertia  eine  solche  der  Gudrun,  der  Obertertia  eine  des  Parzival  zuzuweisen
sein.  Auf  diese  Klassen  sind  zugleich  die  schönsten  von  Grimms  deutschen
Sagen  zu  verteilen.  In  Unter-  und  ÖObersekunda  ist  dann  der  Schüler  in  die
mittelhochdeutsche  Sprache  einzuführen,  das  Nibelungenlied  und  die  Gudrun
werden  im  Urtext  gelesen,  ebenso  eine  Auswahl  der  Lieder  und  Sprüche  Walters
  von  der  Vogelweide  sowie  einiger  anderer  Minnesänger.  Auch  einige  ausgewählte
  Abschnitte  aus  Parzival  sind  zur  Lektüre  sehr  zu  empfehlen.  Auch
die  Hauptwerke  des  griechischen  Altertums  sind  in  Übersetzungen  im  Lesebuch
zu  bedenken.  Schon  in  Sexta  und  Quinta  sind  Prosserzählungen  aus  der  Odyssee
und  der  Dias,  auf  späteren  Stufen  die  hauptsächlichsten  griechischen  Sagen,  die
von  den  größten  griechischen  Tragikern  ihren  Dramen  zugrunde  gelegt  sind,  in
guten  Prosadarstellungen  zu  geben.  In  den  oberen  Klassen  sollten  nicht  nur
im  Realgymnasium,  sondern  auch  im  Gymnasium,  Dramen  von  Äschylus  und
Sophokles  sowie  von  Shakespeare  in  den  besten  neueren  Übersetzungen!)  durchgenommen
  oder  zum  Teil  der  Privatlektüre,  die  überhaupt  sorgsam  zu  pflegen
ist,  zugewiesen  werden.  Dabei  ist  vorwiegend  darauf  zu  achten,  daß  alle
größeren  Werke  nicht  durch  Einzelerklärung  zerpflückt,  sondern  in  großem
Zuge  gelesen  und  behandelt  werden,  so  daß  die  Schüler  einen  lebhaften  Eindruck  bekommen
  undvor  allem  den  wertvollen  Gehalt  der  gelesenen  Werke  in  sich  aufnehmen.

Vor  allem  muß  es  den  Schülern  im  deutschen  Unterrichte  zum  Bewußtsein
  gebracht  werden,  daß  neben  der  auf  altklassischer  Grundlage  ruhenden
deutschen  Kunst,  die  von  Martin  Opitz  an  bis  zu  Schiller  und  Goethe  sich  zu
immer  edleren  Gestaltungen  und  Wirkungen  entfaltet,  von  Anfang  an  eine  rein
deutsche  Kunst  geht,  die  sich  von  fremden  Einflüssen  entweder  ganz  fern  gehalten
  oder  diese  vollständig  der  deutschen  Eigenart  unterworfen  hat.  Diese
deutsche  Kunst  nimmt  ihren  Ausgang  von  der  altheidnischen  Heldendichtung,
dem  Hildebrandslied,  den  Nibelungen,  der  Gudrun,  von  der  Lyrik  des  Kürenbergers
  und  Dietmars  von  Aist,  von  den  Sprüchen  Spervogels  und  Freidanks,
von  den  unsterblichen  Liedern  Walters,  Neidharts  und  Wolframs,  verschwindet
zeitweilig  ganz  von  der  Oberfläche  der  Erscheinung,  lebt  aber  doch  allezeit  in
ungeschwächter  Kraft,  wenn  auch  oft  ganz  versteckt  und  verborgen,  in  breiten
Schichten  unseres  Volkes  weiter.  Oft  erstarrt  die  herrschende,  offizielle  Kunst,
welche  die  Literaturgeschichte  aufzeichnet,  zu  einer  toten  Eisdecke,  auf  der  die
Dichter  des  Tages  ihre  zierlichen  Kunststückchen  aufführen,  während  darunter
heimlich  und  verborgen  der  Quell  der  heimischen  Dichtung  rinnt,  bis  das
fließende  pochende  Leben  mit  unwiderstehlicher  Gewalt  die  starre  Decke  sprengt
und  bald  wildaufschäumend,  bald  majestätisch  dahinwogend  vor  die  erstaunten

)  2.B.  Ulrich  von  Wilamowitz-Möllendorf,  Griechische  Tragödien,  übersetzt,
Berlin  1901  ff.