208  Lrox:  Der  deutsche  Unterricht.

Augen  der  gebildeten  Kreise  des  Volkes  tritt.  Nachdem  im  vierzehnten  und
fünfzehnten  Jahrhundert  das,  was  im  dreizehnten  Jahrhundert  so  herrlich  bei
uns  erblüht  war,  die  selbwachsene  deutsche  Dichtung,  die  selbst  französischen
Einfluß  in  großartiger  Weise  ihren  Zwecken  dienstbar  gemacht  hatte,  fast  gänzlich
  wieder  zu  Boden  getreten  und  erschüttert  worden  war,  trat  im  sechzehuten
Jahrhundert  deutsche  Art  und  Kunst  namentlich  in  den  Werken  eines  Luther
und  Hans  Sachs  mit  ungestümer,  alles  mit  sich  fortreißender  Kraft  wieder  zutage.
  War  diese  deutsche  Kunst  auch  häufig  noch  derb  und  roh,  so  war  sie
doch  wahr,  frisch  und  natürlich,  dazu  von  einer  herrlichen  Geradheit  und  köstlichen
  Unberührtheit,  und  in  ihr  leuchtete  vor  allem  mit  wunderbarem  Glanze
das  deutsche  Gemüt  in  seiner  unergründlichen  Tiefe  und  Innigkeit.  In  diese
Sprache  des  sechzehnten  Jahrhunderts  muß  vor  allen  der  Schüler  eingeführt
werden.  Hier  muß  sich  gleichsam  sein  Geist  gesund  baden  von  moderner  Anempfindelei
  und  Gedankenblässe,  von  der  kraftlosen  Geziertheit  und  dem  widerwärtigen
  Phrasenschwulst,  die  ihm  in  dem  Schrifttum  unserer  Tage  auf  Schritt
und  Tritt  entgegentreten.')

Und  während  nun  die  Schulgelehrsamkeit  in  Martin  Opitz  und  seinen
Nachfolgern  Wege  wandelte,  die  weitab  von  denen  Martin  Luthers  und  Hans
Sachsens  lagen,  lebte  die  altheimische  Kunst  im  Volksliede?)  weiter,  das  zumeist
  wieder  von  Herder  und  Goethe  ans  Tageslicht  gezogen  wurde  und  von
diesem  Augenblicke  an  eine  unvergleichliche  Wirkung  auf  unsere  Kunstdichtung
übte,  eine  Wirkung,  die  man  als  Wiedergeburt  deutscher  Art  und  Kunst  bezeichnen
  kann.  In  das  Volkslied  mit  seinem  frischen  Wiesenduft  und  heimlichen
  Waldesrauschen,  mit  seinem  ungeschminkten  Empfinden  und  frischklaren
Schauen,  mit  seinem  tiefen  Weh  und  innigen  Klagen,  mit  seinem  derben  Humor
und  herzhaften  Lachen  muß  sich  der  Schüler  versenken  und  aus  ihm  einen
glühenden  Haß  saugen  gegen  alle  Unnatur  und  Unwahrheit,  gegen  Gefühlsverfälschung
  und  weichlich-weibische  Überschwenglichkeit,  gegen  witzlose  Geistreichelei
  und  gemütlose  Witzelei,  gegen  leere  Formenspielerei  und  inhaltlose
Sprachkunststückchen,  gegen  die  marklose  Zierlichkeit  und  glatte  Süßlichkeit
gewisser  moderner  Poeten,  aber  auch  gegen  die  unzarte  und  taktlose  Art,  gegen

1)  Gute  Schulausgaben  der  Nibelungen,  Gudrun,  Woalters,  Luthers,  des  Hans  Sachs
usw.  bieten  Böttichers  und  Kinzels  Denkmäler,  die  Sammlung  Göschen  und  die  bereits  obengenannten
  Schulausgaben  Teubners,  Velhagens  &amp;  Klasings,  Freytags,  Cottas  usw.  —  Für
den  Lehrer  seien  empfohlen:  W.  Wilmanns,  Leben  und  Dichten  Walters  von  der  Vogelweide.
  —  0.  Lyon,  Minne-  und  Meistersang,  Leipzig  1888.  —  Anton  E.  Schönbach,
Walter  von  der  Vogelweide,  ein  Dichterleben.  —  Neidhart  von  Reuenthal,  herausgeg.
von  F.  Keinz,  Leipzig,  Hirzel  1889.  —  J.  Köstlin,  Martin  Luther,  sein  Leben  und  seine
Schriften,  neu  bearb.  von  Gustav  Kawerau,  Berlin  1902ff.  —  Georg  Buchwald,  Dr.
Martin  Luther.  Ein  Lebensbild  für  das  deutsche  Haus,  Leipzig,  Teubner  1902.  —  Adelbert
  v.  Keller  und  Edmund  Goetze,  Sämtliche  Werke  des  Hans  Sachs,  Stuttgart  und
Tübingen  1867  ff.

*)  Rudolf  Hildebrand,  Materialien  zur  Geschichte  des  deutschen  Volksliedes,
herausgeg.  von  Georg  Berlit,  Leipzig  1900.  —  Adolf  Matthias,  Das  deutsche  Volkslied,
  Leipzig,  Velhagen  &amp;  Klasing.  —  Julius  Sahr,  Das  deutsche  Volkslied.  Ausgewählt
und  erläutert.  Sammlung  Göschen.