Schiller.  209

die  Gefühlsroheit  und  charakterlose  Rücksichtslosigkeit  einzelner  moderner
Schriftsteller  und  Dichter.  Auch  das  ist  humanistische  Bildung  im  besten
Sinne  des  Wortes;  denn  hier  wird  der  komplizierte  moderne  Mensch  zu  den
frischen,  reinen  Quellen  des  wahren  Menschentums  zurückgeführt.  Die  Wirkung
  geht  um  so  tiefer,  weil  sie  am  Heimischen,  dem  Geiste  unmittelbar  Verständlichen
  gewonnen  wird.

Klopstock,  Lessing  und  Herder  müssen  in  ihrer  außerordentlichen  Bedeutung
  für  die  deutsche  Geistesbildung  dann  auf  dieser  Grundlage  in  ihren  Hauptwerken
  gezeigt  werden,  als  die  Bahnbrecher,  die  zu  Schiller  und  Goethe  hinführen.
  Von  Klopstock  genügen  einige  seiner  herrlichen  Oden,  an  denen
sich  seine  geniale  Schöpferkraft  und  sein  ursprünglicher  deutscher  Sinn  zeigen
läßt.  Bei  Lessing!)  lege  man  den  Schwerpunkt  auf  seine  Emilia  Galotti  und
Minna  von  Barnhelm,  die  beiden  herrlichen  Grundlagen  der  neuen  deutschen
Tragödie  und  des  deutschen  Lustspiels,  sowie  auf  einzelne  Abschnitte  aus  seinem
Laokoon,  seinen  Literaturbriefen  und  seiner  Hamburgischen  Dramaturgie,  die
wegen  ihrer  köstlichen  Sprache  unsterblich  sind,  auch  wenn  sie  in  ihren  ästhetischen
  Anschauungen  nicht  allenthalben  mehr  zutreffen.  Herder?)  kann  eine
gesonderte  Besprechung  nicht  beanspruchen,  da  im  wesentlichen  die  Schule  auf
die  wirklichen  Dichtungen  zu  beschränken  und  nicht  mit  theoretischen  Schriften,
auch  wenn  sie  ein  Herder  verfaßt  hat,  zu  belasten  ist.  Herder  wird  daher  am
besten  in  seinen  Beziehungen  zu  Goethe  betrachtet,  so  wie  es  Heinemann  in
seinem  „Goethe“  getan  hat.  Herders  deutsches  Empfinden  und  der  innige  Zusammenhang
  seines  Denkens  mit  dem  des  deutschen  Volkes  kann  dabei  aufs
schönste  hervorgehoben  werden.  Hat  doch  Herders  Einfluß  auf  Goethe  in  StraBburg
  diesen  zum  Volksliede  und  zu  Shakespeare  geführt.

Den  Kern  des  deutschen  Unterrichts  in  Unter-  und  Oberprima  haben  aber
die  Werke  Schillers  und  Goethes  zu  bilden.  Im  deutschen  Unterricht  der
Unterprima  sollten  durchaus  Schillers  Person  und  dichterische  Werke,  in
Oberprima  Goethe  im  Mittelpunkte  stehen.  Eine  tiefgehende  Betrachtung  und
Erfassung  dieser  beiden  größten  deutschen  Dichter  muß  den  deutschen  Unterricht
  krönen  und,  ist  das  Herrlichste  und  Wichtigste,  was  wir  hier  der  Jugend
mit  auf  den  Lebensweg  geben  müssen.

Schiller?),  dessen  hohes  Ideal  der  freien  individuellen  Selbstbestimmung,

1)  Unentbehrlich  für  den  Lehrer  ist  Erich  Schmidt,  Lessing.  Geschichte  seines
Lebens  und  seiner  Schriften,  2  Bde.,  2.  Aufl.,  Berlin  1899  ff.  —  Karl  Borinski,  Lessing,
2  Bde.,  ist  in  vielen  Punkten  vortrefflich,  verfällt  aber  in  künstliche  Konstruktionen  und
Übertreibungen.  —  Seiler,  Der  Gegenwartswert  von  Lessings  Hamburgischer  Dramaturgie,
Berlin,  Weidmann  1901.  —  Zum  Laokoon  vergleiche  man:  Konrad  Lange,  Die  künstlerische
  Erziehung  der  Jugend,  und  Konrad  Lange,  Das  Wesen  der  Kunst.  Grundzüge
einer  realistischen  Kunstlehre,  2  Bde.,  Berlin,  Grote  1901.

”,  Kühnemann,  Herders  Leben,  München  1895.  —  Auf  die  hübschen,  in  Auswahl
gebotenen  Klassikerausgaben  des  Bibliographischen  Instituts,  Leipzig  und  Wien,  sei
hier  summarisch  empfehlend  hingewiesen.

°,  In  erster  Linie  sei  empfohlen:  Karl  Berger,  Schiller,  sein  Leben  und  seine  Werke;
auf  2  Bde.  berechnet,  München  1905  (Seitenstück  zu  Bielschowskys  Goethebiographie).  —

Handbuch  für  Lehrer  höherer  Schulen.  14