210  Lyon:  Der  deutsche  Unterricht.

dessen  herbe  Realistik,  dessen  unendliche  Tiefe  in  ihrer  ganzen  Größe  von  der
Jugend  nur  geahnt  und  noch  nicht  völlig  erfaßt  werden  kann,  läßt  sich  doch
der  Jugend  zu  einem  Teile  nahe  bringen,  indem  zwei  glückliche  Umstände
dieses  ermöglichen.  Der  eine  Umstand  liegt  darin,  daß  Schiller  seine  hohen
Ideale  zu  einem  Teile  mitgründet  auf  die  Beziehung  von  Herz  zu  Herzen,  so
daß  Freundschaft  und  Liebe,  mit  dem  unverwelklichen  Zauber  der  Poesie  umwoben,
  in  allen  seinen  Dichtungen,  und  ganz  besonders  in  seinen  Dramen,  unauflöslich
  mit  dem  ganzen  Aufbau  des  Werkes  verbunden  sind.  Für  diese  Gefühle
  braucht  die  Jugend  keine  didaktische  Vermittelung.  Sie  sprechen  unmittelbar
  zu  ihr  und  reißen  sie  mit  sich  fort;  denn  in  ihrer  Brust  leben  die
gleichen  Gefühle  in  frischer  Kraft  und  feuriger  Gewalt.

Der  andere  Umstand  ist  dadurch  gegeben,  daß  Schillers  Sprache  einen  so
‚stürmischen  Pulsschlag,  einen  solchen  Überschwang  der  Leidenschaft,  ein  so
loderndes  Feuer  der  Begeisterung,  eine  solche  flammende  Größe  des  Ausdrucks
besitzt,  daB  das  leichtbewegte  Herz  der  Jugend  von  ihr  zu  Entzücken  hingerissen
  und  zu  himmlischen  Sphären  emporgehoben  wird,  ohne  freilich  zu
ahnen,  daß  diese  blühende,  ewig  junge  Sprache  Schillers  mit  einem  so  tiefen
Inhalt  gesättigt,  so  mit  der  Kraft  des  haarscharf  scheidenden  Gedankens  durchdrungen,
  so  von  innerstem  ethischen  Pathos  erfüllt  ist,  daB  bei  Schiller  niemals
der  Ausdruck  den  Inhalt  übertönt.

Nach  diesen  beiden  Seiten  hin  kann  man  daher  durch  Schillers  Dichtungen
ganz  besonders  auf  die  Jugend  wirken.  Wie  lebensvoll  gestaltet  sich  der
Schillerunterricht,  wenn  man,  von  seinem  Leben  ausgehend,  von  seinen  Schulfreundschaften,
  seinem  Konflikt  mit  dem  Herzog,  seinem  Abschied  von  der
Mutter,  seiner  Flucht  aus  Stuttgart,  seinem  Freunde  Andreas  Streicher  und
ähnlichem,  den  herrlichen  jungen  Schiller,  bei  dem  genau  wie  bei  Goethe  das,
was  er  lebte,  noch  besser  war,  als  das,  was  er  schrieb,  bei  dem  die  ganze  Persönlichkeit
  seine  Werke  überragte,  der  Jugend  nahe  bringt!  Wie  lauschen  die
jungen  Geister,  wenn  sie  sehen,  wie  aus  der  wunderbaren  Freundschaft  mit
Gottfried  Körner  und  seinem  Kreise  das  Lied  an  die  Freude  und  der  ewig
junge  Don  Carlos  mit  Naturnotwendigkeit  hervorwächst,  wie  die  Bauerbacher
Idylle,  die  Wonnegeit  in  Gohlis  und  Dresden,  die  zarte  Epoche  in  Volkstedt
und  Rudolstadt  sich  mit  herrlicher  Klarheit  und  Reinheit  in  seinen  Werken
spiegeln!  In  seinen  Briefwechsel  mit  Gottfried  Körner  sollte  unsere  Jugend  in
geeigneter  Auswahl  recht  tief  hineingeführt  werden.)  Das  Glück  seiner  Ehe,

O.  Harnack,  Schiller,  @  Bde.,  1906.  —  Wychgram,  Schiller,  dem  deutschen  Volke  dargestellt,
  4.  Aufl.,  1901.  —  Die  großen,  rein  wissenschaftlichen  Schillerbiographien  von  Minor,
Weltrich  und  Brahm  sind  leider  sämtlich  noch  unvollendet.  —  Th.  Ziegler,  Schiller,
Leipzig  1905  (kurze  Darstellung).  —  Palleske,  Schillers  Leben  und  Werke,  besorgt
von  Hermann  Fischer,  2  Bde.  —  L.  Bellermann,  Schillers  Dramen,  Berlin,  Weidmann,
83.  Aufl.,  1905,  3  Bände.  —  Zu  dem  oben  Gesagten  vgl.  meinen  Aufsatz:  “Schillers  Bedeutung
  für  die  Schule’,  im  Schillergedenkblatt  der  Leipziger  Neuesten  Nachrichten,  9.  Mai
1905,  sowie  meine  Gedächtnisrede  “Schiller  der  Unsere  noch  heute’,  Schillergedenkblatt  des

Dresdener  Anzeigers,  9.  Mai  1906.
1)  Nichts  bringt  uns  große  Männer  so  nahe  als  ihre  Briefe  und  Gespräche.  Daher