Goethe,  211

seine  herrliche  Lotte  und  seine  einzigartige  Freundschaft  mit  Goethe  sollte  allen
deutschen  Jünglingen  und  Mädchen  vertraut  sein.  Und  ebenso  wie  das  Leben,
lasse  man  die  Sprache  Schillers  auf  unsere  Jugend  wirken.  Wenn  man  aus
Schillers  Briefen  zeigt,  wie  auch  diese  ganz  aus  des  Dichters  innerstem  Leben
erwächst,  dann  wird  niemand  mehr  in  den  Wahn  verfallen,  daß  Schiller  uns  jemals
  und  irgendwo  ein  kaltes  Prachtstück  der  Redekunst  gegeben  habe.  Seine
Sprache  ist  vielmehr  die  ewig  junge  Sprache  der  Phantasie.  Sie  ist  bis  in  die
letzte  Falte  von  tiefstem  Lebensinhalte  gesättigt,  sie  ist  von  einer  leuchtenden
Bildkraft  ohnegleichen.  Und  es  gibt  kaum  ein  herrlicheres  Mittel,  die  Phantasie
  unserer  Jugend  zu  beleben,  als  die  in  kühnem  Schwunge  durchs  Weltall,
wie  durch  die  Höhen  und  Tiefen  des  Herzens  steuernde  Dichtung  Schillers.
Phantasie  und  Idealismus  des  Denkens  und  Fühlens  soll  unsere  Jugend  aus
Schillers  Werken  mit  ins  Leben  hinausnehmen:  die  ewig  notwendigen  und  unentbehrlichen
  Voraussetzungen  jeder  großen  Tat.  Von  den  theoretischen  Werken
Schillers  nehme  man  in  der  Schule  so  viel  als  möglich  Abstand.  Doch  sollten
in  Unterprima  Schillers  Aufsatz  über  das  Erhabene  und  einzelne  seiner  ästhetischen
  Briefe  gelesen  werden,  weil  dadurch  seine  philosophischen  Gedichte  den
Schülern  näher  gebracht  und  vor  allem  eine  tiefdringende  Behandlung  des
Wallenstein  ermöglicht  wird.

Auch  Goethe  stelle  man  nach  seiner  ganzen  großen  Persönlichkeit  der
Jugend  aus  seinem  Leben,  Briefen  und  Gesprächen  dar.)  Immer  beherzige
der  Lebrer:  Willst  du  der  Freund  der  Jugend  sein,  so  bringe  ihr  die
Persönlichkeiten  unserer  großen  Männer  näher!  Nichts  vermag  die
Jugend  so  zu  packen  und  zu  fesseln  als  Persönlichkeit.  Jede  bloße  "kalte,
schematisierende  Betrachtung  der  Werke  ist  in  der  Schule  streng  zu  meiden.
Immer  gehe  man  aus  vom  Leben,  von  der  Person  des  Dichters.  Goethes  Leben
ist  ja  einzigartig  in  seiner  blühenden  Frische  und  zwingenden  Gewalt,  in  seiner
alles  Menschliche  ergründenden  und  umfassenden  Größe  und  Tiefe.  Hier  ist
eine  Aufgabe  für  die  Schule,  wie  sie  größer  und  herrlicher  nicht  gedacht  werden
kann,  die  weit,  unendlich  weit  über  das  bloße  Ästhetische  emporragt.  Von
Goethes  Leben  und  seinen  Briefen  führe  man  die  Schüler  zu  Iphigenie,  Tasso
und  Wilhelm  Meister,  zu  seiner  herrlichen  Lyrik  und  zu  seinen  Werken,  die
aus  den  Tönen  des  Volksliedes,  aus  der  Sprache  Luthers  und  Hans  Sachsens

sind  diese  für  den  Lehrer  unentbehrlich:  Fritz  Jonas,  Schillers  Briefe,  Stuttgart  1892  ff.,
7  Bde.  —  Theodor  Klaiber  und  Otto  Lyon,  Die  Meister  des  deutschen  Briefes.  In
einer  Auswahl  herausgegeben.  Bielefeld  und  Leipzig,  Velhagen  &amp;  Klasing  1901.

1)  Empfohlen  seien  hier  nur  wenige  Werke,  da  die  Fülle  der  Schriften  unerschöpflich
ist.  In  erster  Linie  ist  für  die  Schule  geeignet  Heinemann,  Goethe,  3.  Aufl.,  Leipzig  1903.
—  Bielschowsky,  Goethe,  2  Bde,  München  1902ff.  —  Richard  M.  Meyer,  Goethe,
3.  Aufl,  1901.  —  Viktor  Hehn,  Gedanken  über  Goethe,  Berlin  1895.  —  Theodor  Vogel,
Goethes  Selbstzeugnisse  über  seine  Stellung  zur  Religion,  Leipzig,  Teubner  1903.  —  Jakob
Minor,  Goethes  Faust,  Entstehungsgeschichte  und  Erklärung,  Stuttgart  1901.  —  Philipp
Stein,  Goethebriefe,  Berlin  1901  ff.  (für  den  Lehrer  ganz  unentbehrlich).  —  Biedermann,
Goethes  Gespräche,  mit  Erläuterungen  von  OÖ.  Lyon,  Leipzig  1889ff.,  10  Bde  —  Georg
Witkowski,  Goethe,  1899.

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