212  Lrox:  Der  deutsche  Unterricht.

so  reiche  Nahrung  sogen,  daß  sein  gewaltigstes  Werk,  der  Faust,  auf  dieser
Grundlage  erwuchs,  daß  sein  Götz,  sein  Werther,  seine  schönsten  Lieder  u.  a.
aus  diesen  Quellen  hervorsprudelten.  Und  so  werden  wir  auch  nicht  nur  die
italienische  Reise  Goethes,  durch  die  er  vor  allem  auf  das  altklassische  Kunstideal
  hingewiesen  wurde,  betrachten  und  würdigen,  sondern  wir  werden  seine
Reise  am  Main  und  Rhein  in  den  Jahren  1814  und  1815,  durch  die  er  zur  altdeutschen
  Kunst  hin-  und  zu  dem  deutschen  Denken  und  Empfinden  seiner
Jugend  zurückgeführt  wurde,  gleichberechtigt  neben  die  italienische  Reise  treten
lassen.  Wie  Goethe  auf  jener  denkwürdigen  Reise  in  den  Jahren  1814  und
1815  dahinwandelt,  umgeben  von  dem  Zauber  der  Rhein-  und  Mainlandschaft,
  schwelgend  in  der  Erinnerung  an  die  deutsche  Vergangenheit,  forechend
und  genießend  in  den  altdeutschen  Kunstsammlungen  der  Brüder  Boisseree,  getragen
  und  gehegt  von  sorgenden  Freunden,  durchglüht  von  der  Liebe  zu
Marianne  Jung-Willemer,  wie  sich  da  gleichsam  eine  Eisrinde  von  seinem
Herzen  löst,  wie  er  eine  Verjüngung,  eine  wahre  Wiedergeburt  seines  deutschen
Fühlens  und  Schauens  erlebt:  das  ist  von  rührender  Gewalt  und  geisteserfrischender
  Macht  für  jedes  empfängliche  Gemüt  und  sollte  in  die  Seelen
unserer  Jugend  mit  begeisterter  Liebe  eingepflanzt  werden.  Daher  sollten  auch
die  schönsten  Lieder  aus  Goethes  West-östlichem  Diwan,  der  jene  Wandlung
im  Geistesleben  des  großen  Dichters  am  unmittelbarsten  zur  Anschauung  bringt,
viele  seiner  zahmen  Xenien  und  Sprüche  in  Prosa,  ausgewählte  Stellen  auch
aus  dem  zweiten  Teile  seines  Faust,  aus  Dichtung  und  Wahrheit,  einzelne  seiner
späteren  Lieder  u.  a.  nach  und  nach  in  die  Schule  hineingearbeitet  und  dadurch
  ein  unvergängliches  Besitztum  unserer  Jugend  und  damit  unseres  Volkes
werden.

Ganz  eng  berührt  sich  damit  die  Tätigkeit  unserer  romantischen  Dichter.
Natürlich  müssen  die  krankhaften  Verirrungen  der  älteren  Romantiker  der
Jugend  durchaus  ferngehalten  werden,  aber  das  allmähliche  Wiedererwachen
des  deutschen  Altertums  in  der  Dichtung,  das  in  Ludwig  Uhland  am  reichsten
und  entschiedensten  hervortritt,  die  damit  innig  verbundene  Erstarkung  des
deutschen  Nationalgefühls,  wie  sie  in  Heinrich  von  Kleists  Prinzen  von  Homburg
und  in  den  Befreiungskriegen  und  in  den  Werken  eines  Arndt  und  Rückert,
eines  Schenkendorf  und  Theodor  Körner  empordringt,  die  immer  mächtiger  um
sich  greifen,  die  Wirkung  des  Volksliedes,  wie  sie  in  der  Dichtung  Heinrich
Heines,  Eichendorffs,  Emanuel  Geibels  sich  offenbart:  das  alles  soll  dem  jungen
Geiste  des  Lernenden  nahegerückt  und  womöglich  zum  unverlierbaren  Eigentum
gemacht  werden.  Auch  das  Erwachen  des  modernen  Realismus  mit  Otto  Ludwig
  und  Friedrich  Hebbel  neben  der  mehr  am  Klassischen  haftenden  Richtung
Grillparzers,  die  Weiterentfaltung  eines  gesunden  Realismus  in  Martin  Greif,
Theodor  Storm,  Gottfried  Keller,  Konrad  Ferdinand  Meyer  bis  zu  den  modernen
Geistern  Detlev  von  Lilieneron  und  Gerhard  Hauptmann  soll,  wenn  auch  nicht
immer  in  der  Klasse,  so  doch  in  der  Privatlektüre  Berücksichtigung  finden.
Daneben  wird  man  auch  Mörike  und  seinen  Spuren  folgende  moderne  Lyriker
entsprechend  würdigen.