Volkskunde.  213

Die  Pflege  vaterländischen  Sinnes  ergibt  sich  hieraus  als  notwendige  Folge.
Eine  besondere  Literaturgeschichtsstunde  ist  nicht  nötig.  Was  aus  der  Litersturgeschichte
  zu  wissen  not  ist,  muß  durchaus  an  die  großen  Dichterpersönlichkeiten
  und  deren  eingehende  Betrachtung  angeknüpft  werden.  Alles  weitere
ist  vom  Übel.  Dennoch  empfiehlt  es’  sich,  dem  Schüler  einen  Abriß  der  Literaturgeschichte'
  in  die  Hand  zu  geben,  damit  er  selbständig  für  sich  wiederholen
  kann.!)

Volkskunde.  Bei  der  Darstellung  der  Sprachdenkmäler  und  der  Sprachgeschichte
  wird  man  von  selbst  auf  die  Kulturverhältnisse  der  Vergangenheit  und
der  Gegenwart  geführt.  Ohne  deren  Berücksichtigung  ist  das  volle  Verständnis  und
daher  auch  der  volle  Genuß  unserer  Dichtwerke  aller  Zeiten  unmöglich.  Bei  der
Lektüre  soll  daher  der  Schüler  zugleich  in  die  deutschen  Altertümer  und  in  die
Kulturverhältnisse  eingeführt  werden.  Möglichst  an  der  Hand  guter  Abbildungen
soll  er  die  Erzeugnisse  altdeutscher  Kunstfertigkeit  kennen  lernen.  Wie  unsere
Vorfahren  ihre  Häuser  bauten,  ihre  Wohnungen  schmückten,  wie  sie  sich
kleideten,  und  in  welchen  Formen  sich  ihr  geselliges  Leben  vollzog,  u.  a.  soll
ihm  lebendig  geschildert  werden,  immer  an  der  Hand  der  Quellen.)  Mit  dem
Bau  der  Ritterburg  soll  der  Schüler  vertraut  sein,  aus  späterer  Zeit  soll  er  die
Anfänge  der  deutschen  Malerei,  soll  er  die  Kerngestalten  eines  Dürer,  Holbein,
Cranach  u.  a.  und  ebenso  die  ersten  Erzgießer  und  Bildhauer  kennen  lernen.
Der  Bau  der  alten  Mysterienbühne,  die  Einrichtungen  bei  den  Weihnachts-,
Öster-  und  Fastnachtsspielen  sollen  ihm  nicht  verborgen  bleiben.  Die  Betrachtung
  der  politischen,  wirtschaftlichen  und  Rechtsaltertümer  wird  man  dem  Geschichtsunterricht
  überlassen  können,  doch  darf  der  deutsche  Unterricht  an  dem
Sachsen-  und  Schwabenspiegel  nicht  ganz  vorübergehen.

Auch  die  Götterlehre  unserer  Vorfahren  ist  ein  wichtiger  Gegenstand  des
deutschen  Unterrichts,  der  am  besten  im  Anschluß  an  die  Lektüre  zu  behandeln
ist.  Die  trefflichen  Arbeiten  eines  Mogk  und  Meyer,  eines  Kauffmann  und
Golther,  Zehme  und  ähnliche,  Vogts  volkstümliche  Überlieferungen  Schlesiens
  (Leipzig  1901ff.),  Stracks  Zeitschrift  für  hessische  Volkskunde,  Robert

ı)  Für  den  Lehrer  sei  empfohlen:  Vogt  und  Koch,  Geschichte  der  deutschen  Literatur
von  den  ältesten  Zeiten  bis  zur  Gegenwart,  2  Bde.,  Leipzig,  Bibliographisches  Institut  1904,
2.  Aufl.  —  Adolf  Bartels,  Geschichte  der  deutschen  Literatur,  Leipzig  1902.  —  H.  Hettner,
  Geschichte  der  deutschen  Literatur  im  18.  Jahrhundert,  1894  ff.,  neu  bearbeitet:  von
Otto  Harnack.  —  K.  Goedeke,  Grundriß  zur  Geschichte  der  deutschen  Dichtung,  2.  Aufl.
von  Edm.  Goetze  (unentbehrliches  Nachschlagewerk).  —  Richard  M.  Meyer,  Die  deutsche
Literatur  im  19.  Jahrhundert,  2.  Aufl.,  1900.  —  Nagel  und  Zeidler,  Deutsch-österreichische
Literaturgeschichte,  2  Bde.,  Wien  1897  ff.  —  Bernhard  Seuffert,  Deutsche  Literaturdenkmale
  des  18.  und  19.  Jahrhunderte,  Heilbronn  1881ff.  —  Für  die  Hand  des  Schülers  sind
eine  Reihe  von  Leitfäden  vorhanden  von  Gotthold  Klee,  Rud.  Lehmann,  Bötticher
und  Kinzel,  Steuding,  Wychgram,  Otto  Lyon  u.  a.

9,  Gustav  Freytags  Bilder  aus  der  deutschen  Vergangenheit,  Alwin  Schultz,
Höfisches  Leben  zur  Zeit  der  Minnesänger,  2.  Aufl.  1889,  und:  Häusliches  Leben  im  Mittelalter
  bis  in  die  2.  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts,  1903,  L.  Günther,  Recht  und  Sprache,
und:  Deutsche  Rechtsaltertümer  in  unserer  heutigen  Sprache,  1903,  O.  Lyon,  Minne-  und
Meistersang  u.  a8.