Rauscn:  Philosophische  Propädeutik.  215

PHILOSOPHISCHE  PROPÄDEUTIK.

Von  Dr.  ALrkep  Rausch.

I.  GESCHICHTLICH.?)

1.  Die  Zeit  der  Schulphilosophie.  “Auf  zweierlei  Weise  kann  der
Geist  höchlich  erfreut  werden:  durch  Anschauung  und  Begriff.  Aber  jenes
erfordert  einen  würdigen  Gegenstand,  der  nicht  immer  bereit,  und  eine  verhältnismäßige
  Bildung,  zu  der  man  nicht  gerade  gelangt  ist.  Der  Begriff  hingegen
will  nur  Empfänglichkeit,  er  bringt  den  Inhalt  mit  und  ist  selbst  das  Werkzeug
  der  Bildung”  Es  ist  Goethe,  der  so  urteilt  und  mit  diesen  Sätzen  die
Grundfrage  der  Unterrichtslehre  formuliert  hat.?)  Daß  beide  Geistestätigkeiten,
Anschauen  und  Begreifen,  zusammengehören  und  sich  wechselseitig  fordern,  kommt
in  dem  bekannten  Satze  Kants  zum  Ausdruck:  “Gedanken  (das  heißt  Begriffe)
ohne  Inhalt  sind  leer,  Anschauungen  ohne  Begriffe  sind  blind.’?)  Erst  spät
hat  sich  der  Unterricht  zu  der  Verpflichtung  bekannt,  durch  Anschauung  zu
bilden,‘)  während  die  Begriffe  von  Anfang  an  den  Gegenstand  des  Unterrichts
ausgemacht  haben.  Begriffe  bilden  den  Inhalt  jeder  Art  von  Wissenschaft,  und
die  Wissenschaft  ist  in  Gestalt  der  Philosophie  einst  in  Hellas  in  die  Erscheinung
  getreten.  Daher  war  auch  der  philosophische  Unterricht  von  Anfang  an
gegeben,  als  man  sich  im  fünften  Jahrhundert,  im  Zeitalter  der  griechischen
Aufklärung,  nicht  mehr  mit  der  herkömmlichen  musischen  und  gymnastischen
Ausbildung  begnügen  wollte,  welche  die  Jugend  ursprünglich  nur  für  den  Gottesdienst
  und  für  den  Kriegsdienst  tüchtig  machen  sollte,  und  darum  mehr  Erziehung
  war  als  Unterricht.°)

ı)  Kern,  Philosophische  Propädeutik.  Schmids  Enzyklopädie  des  gesamten  Erziehungs-
  und  Unterrichtswesens.  VI.  Bd.  2.  Aufl.  Leipzig  1885.  S.  57—89  bietet  den  vollständigsten
  geschichtlichen  Überblick.  —  Friedrich  Paulsen,  Geschichte  des  gelehrten
Unterrichte.  2.  Aufl.  2  Bde.  Leipzig  1896  u.  1897.  8.  664—869.  —  Ders.,  Philosophische
Propädeutik.  Enzyklopädisches  Handbuch  der  Pädagogik.  Herausgeg.  von  W.  Rein,  Langensalza
  1898.  V.  Bd.  8.  411—416.

»,  Goethe,  Dichtung  und  Wahrheit.  II.  Teil,  5.  Buch.

®%)  Kritik  der  reinen  Vernunft.  Sämtliche  Werke  herausgegeben  von  Rosenkranz  und
Schubert.  II.  Band  8.  56.

*  Vgl.  die  fleißige,  höchst  willkommene  Dissertation  von  Alois  Hasl,  Geschichte  der
Anschauungsmethode.  Würzburg  1904.

®,  Paul  Barth,  Die  Geschichte  der  Erziehung  in  soziologischer  Beleuchtung.  Vierteljahrschrift
  für  wissenschaftliche  Philosophie  und  Soziologie  1908,  27.  Jahrgang.  9.  57—80,
209-—229;  1904,  28.  Jahrgang.  S.  319—339,  393—  426.