216  Rausch:  Philosophische  Propädeutik.

Nunmehr  aber  sollte  alles  mit  Bewußtsein  und  gründlich,  das  heißt  begrifflich
  oder  wissenschaftlich,  erfaßt  werden.  Das  Reich  der  Wissenschaft  ward
gezeigt  durch  Sokrates  und  erobert  durch  Plato,  der  in  seiner  frischen,  siegesgewissen
  Begeisterung  bereits  das  höchste  Ziel  schaute  und  erstrebte,  daß  der
Philosoph,  d.  h.  der  Mann  der  Wissenschaft,  berufen  sei  zu  den  höchsten  Aufgaben
  der  menschlichen  Gesellschaft,  vor  allem  zur  Leitung  des  Staates.  Fortan
lief  in  Griechenland  und  Rom  die  Unterweisung  derjenigen,  die  über  die  grundlegenden
  Fächer  der  Grammatik  und  Rhetorik  hinausstrebten,  zuletzt  auf  den
Unterricht  in  der  Philosophie  hinaus;  denn  auch  die  spezielleren  Schulwissenschaften
  und  freien  Künste  sollten  nur  eine  Vorbereitung  auf  die  Philosophie
bilden.  Auf  diesem  Grunde  ruhte  auch  das  Bildungswesen  des  Mittelalters;
aber  der  Unterrichtsstoff  schrumpfte  allmählich  auf  Grammatik  und  Dialektik
zusammen,  und  die  Lehrweise  entartete  völlig,  so  daB  die  Geister  zur  Urteilslosigkeit
  verdammt  waren  und  dem  Lernenden  Steine  statt  Brot  gereicht  wurden.

Darum  waren  es  auch  die  scholastische  Dialektik  und  die  mittelalterliche
Sprache,  welche  dem  Zorn  und  dem  Widerwillen  der  Humanisten  verfielen.  Der
Humanismus  gab  seinerseits  den  Geistern  eine  ganz  andere  Nahrung  im  Studium
  und  in  der  Nachbildung  der  wiederentdeckten  griechischen  und  römischen
Klassiker.  Er  wollte  dabei  auf  eine  philosophische  Ausbildung  keineswegs  verzichten,
  nur  sollte  dieselbe  nicht  die  mittelalterliche  Scholastik  zum  Inhalte
haben,  sondern  die  Philosophie  des  echten  Aristoteles.  Alle  dahin  gehenden
  Bestrebungen  zeigen  sich  vereinigt  und  zu  den  höchsten  "Leistungen  gesteigert
  in  Melanchthon.  Seine  zahlreichen,  immer  von  neuem  umgearbeiteten
und  wiederaufgelegten  Lehrbücher  für  alle  Zweige  der  Philosophie,  wie  sie  besonders
  im  XIII.  Bande  des  Corpus  Reformatorum  sich  vereinigt  finden,  zeigen
die  philosophischen  Kenntnisse  und  Überzeugungen  des  Zeitalters,  die  antiken  und
biblischen  Elemente  der  damaligen  Bildung  im  christlichen  Geist  zusammengefaßt.

Übereinstimmung  des  Wissens  und  Glaubens  war  das  Ziel,  für  das  er  arbeitete;
  denn  diese  Harmonie  der  Überzeugungen  erschien  ihm  unerläßlich  für
die  Bildung  echt  sittlicher  Charaktere,  die  philosophische  Ausbildung  sollte
die  religiöse  und  sittliche  ergänzen,  also  nach  unserer  Redeweise  dem  erziehenden
  Unterrichte  dienen.  Den  sorgfältig  gesichteten  Stoff  hat  er  mit  der  größten
Klarheit  und  in  einem  prachtvollen  Latein  dargeboten,  dazu  überall  durch
treffende  Beispiele  erläutert,  in  denen  er  ein  Lockmittel  für  die  Jugend  sah.
Melanchthons  Auffassung  vom  philosophischen  Unterricht  sowie  seine  Lehrbücher,
  denen  auch  Luther  vollkommen  beipflichtete,  haben  während  des  16.
und  17.,  ja  teilweise  auch  noch  während  des  18.  Jahrhunderts  die  Universitäten
und  die  Gelehrtenschulen,  und  zwar  nicht  nur  die  evangelischen,  beherrscht  und
verdienen  auch  heute  noch  volle  Beachtung  als  klassische  Leistung  der  Schulphilosophie.t)


)  A.  Richter,  Melanchthons  Verdienste  um  den  philosophischen  Unterricht.  Jb.
II.  Abteilung.  Bd.  102.  1870.  S.  457—504.  —  Karl  Hartfelder,  Philipp  Melanchthon  als
Praeceptor  Germaniae.  Berlin  1889.  A.u.d.T.  MGp.  Ba.  VII.  —  Georg  Ellinger,  Philipp
Melanchthon.  Ein  Lebensbild.  Berlin  1902.  S.  458—494.