Realismus.  217

Trotzdem  hatte  die  Mehrzahl  der  Humanisten  für  Philosophie  und  philosophische
  Ausbildung  im  allgemeinen  nicht  viel  übrig;  denn  für  die  Humanisten
blieb  doch  stets  die  Fähigkeit,  ein  elegantes  Latein  zu  sprechen  und  zu  schreiben,
  das  höchste  Ziel  ihres  Eihrgeizes,  zu  dessen  Verwirklichung  das  Studium
der  Klassiker  betrieben  wurde.  Besonders  klar  tritt  diese  Auffassung  in  den
Einrichtungen  und  Lehren  von  Johannes  Sturm  in  Straßburg  hervor  und  sie
hatte  zur  Folge,  daB  man  immer  mehr  den:  Verbalismus  verfiel,  der  auf  einen
bestimmten  Inhalt  der  Schulbildung  verzichtete,  und  somit  auch  die  Philosophie
preisgab.  Die  sogeartete  Lateinschule  rief  eine  Gegenbewegung  hervor,  die,
bereits  von  Baco  von  Verulam  angeregt,  einen  trefflichen  Wortführer  in  Comenius
  gefunden  hat.  Man  verlangte  neben  dem  Sprachunterricht  auch  Sachunterricht
  und  setzte  es  allmählich  durch,  daß  allerlei  Realien,  wie  Geschichte,
Deutsch,  Mathematik  und  Naturlehre,  als  Bildungsmittel  anerkannt  und  in  den
Lehrplan  aufgenommen  wurden.  Zu  diesen  Realien  aber,  die  der  Bildung  eines
jungen  Mannes  nicht  fehlen  durften,  wenn  er  eine  Akademie  zu  beziehen  und
in  eine  hohe  Beamtenstellung  einzutreten  gedachte,  rechnete  man  auch  die
Philosophie.

Der  Lehrplan  des  von  August  Hermann  Francke  1698  begründeten  und  von
Hieronymus  Freyer  im  Jahre  1720  vervollkommneten  Pädagogiums  zeigt,  welche
Zugeständnisse  diesem  Unterrichte  gemacht  wurden.  In  sechs  wöchentlichen
Stunden  wurden  alle  Zweige  der  Philosophie  gelehrt  und  die  Scholaren  vorbereitet,
  damit  sie  die  Vorlesungen  auf  der  Universitüt  besser  verstehen  könnten.
Auch  die  entschieden  humanistisch  gerichteten  Schulmänner  fügten  sich  der
Forderung  des  Realismus  und  suchten  den  Schulstudien  den  allgemein  geforderten
  Inhalt  zu  geben,  indem  sie  jene  Realien,  und  namentlich  die  Philosophie,
in  ihren  Lehrbüchern  verarbeiteten.  Diese  Verquickung  des  Sprach-  und  Sachunterrichtes
  zeigt  sich  am  vollkommensten  in  den  Werken  von  Ernesti  und
Gesner.!)

Wenn  somit  die  Philosophie  damals  wiederum  mehr  zur  Geltung  kam,  so
wurde  der  Erfolg  doch  dadurch  sehr  eingeschränkt,  daß  einerseits  die  Realisten
  der  Vielwisserei  verfielen,  die  dem  spekulativen  Sinn  keineswegs  (enüge
  tat  und  von  aller  Lehrkunst  verlassen  auf  die  Stufe  mittelalterlicher
Scholastik  herabsank,  andererseits  Humanisten  vom  Schlage  Ernestis  durch  ihre
lateinischen  Lehrbücher  mehr  der  sprachlichen  als  der  philosophischen  Ausbildung
  dienen  wollten.  Immerhin  aber  liegt  in  Ernestis  Lehrbuch  eine  Schulphilosophie
  vor,  welche  derjenigen  Melanchthons  zu  vergleichen  ist,  weil  sie  die
Philosophie  jenes  Zeitalters,  d.  h.  diejenige  Christian  Wolffs,  zu  dem  gleichen
Zweck  in  eine  schulmäßige  Form  gebracht  hatte,  wie  ehedem  Melanchthon  die
Philosophie  des  Aristoteles.

2.  Die  Zeit  ohne  Schulphilosophie.  Den  Verfall  der  Schulphilosophie
hat  Goethe  erlebt  und  beschrieben,  nicht  ohne  einiges  Bedauern;  denn  die

)  Joh.  Aug.  Ernesti,  Initia  doctrinae  solidioris.  Lipsiae  1186.  2.  Aufl.  1745,  8.  Aufl.
1802.  —  Joh.  Matthias  Gesner,  Primae  lineae  Isagoges  in  Eruditionem  universalem  nominatim
  Philologiam,  Historiam  et  Philosophiam.  1756.  2.  Aufl.  1784.