218  Rausca:  Philosophische  Propädeutik.

Schulphilosophie  hat  jederzeit  das  Verdienst,  “alles  dasjenige,  wonach  der  Mensch
nur  fragen  kann,  nach  angenommenen  Grundsätzen,  in  einer  bestimmten  Ordnung
  unter  bestimmten  Rubriken  vorzutragen’.‘)  Daß  sie  aber  verfiel,  wurde
durch  drei  höchst  gewichtige  Gründe  veranlaßt.

Zunächst  war  es  Kant,  welcher  das  Zeitalter  aus  dem  dogmatischen
Schlummer  weckte  und  ihm  zum  Bewußtsein  brachte,  daß  die  Lehren  der  landläufigen
  Schulphilosophie  nichts  weiter  als  haltlose  Spekulationen  seien,  die  bei
einer  ernsthaften  Kritik  der  menschlichen  Erkenntnis  nicht  bestehen  könnten.
Sofort  war  der  Inhalt  der  bisherigen  Schulphilosophie  in  Frage  gestellt.  Und
in  der  Zeit  nach  Kant,  als  ein  philosophisches  System  das  andere  ablöste,
mußte  sich  der  Zustand  der  Ratlosigkeit  nur  noch  verschlimmern.

Dazu  kam,  daß  auch  schon  längst  Männer  von  feinerem  didaktischen  Verständnis
  nicht  mehr  zufrieden  waren  mit  der  Form,  in  der  die  abstrakten  Lehrsätze
  und  Begriffe  Schülern  und  Studenten  überliefert  wurden,  denen  die  nötigen
Anschauungen  durchaus  fehlten.  Es  genügt  für  Deutschland  Christian  Thomasius,
  für  Frankreich  J.  J.  Roussesu  zu  nennen,  welche  beide  auf  den  Schultern
  Lockes  stehen.

Drittens  aber  hatte  sich  inzwischen  für  die  Schulstudien  ein  viel  ersprießlicheres
  Feld  eröffnet,  als  Winckelmann,  Lessing  und  Herder  durch  die  deutsche
Literatur  eine  neue  humanistische  Bewegung  wachriefen,  und  als  Männer
wie  Heyne  und  F.  A.  Wolff  begannen,  im  Geiste  dieses  Neuhumanismus  die
antiken  Klassiker  mit  unendlich  verfeinertem  ästhetischen  Verständnis  zu  lesen
und  zu  erklären.  Dadurch  wurden  dem  deutschen  Volke  und  besonders  den
Gelehrtenschulen  wahre  Schätze  erschlossen,  neben  denen  alle  jene  Realien  und
auch  die  Philosophie  zurückstehen  mußten.

Für  diesen  humanistischen  Unterricht  brauchte  man  Fachmänner,  Philologen,
  und  je  gründlicher  diese  ihr  Werk  taten,  um  so  weniger  kamen  sie  selbst
wie  auch  ihre  Schüler  mit  der  Philosophie  in  Berührung.  Es  verknüpfte  sich
allmählich  mit  dem  Betriebe  der  philologisch-historischen  Wissenschaften  der
Gedanke,  daß  es  nicht  ratsam  sei,  einem  System  zu  huldigen,  weil  der  Philologe
  die  Meinung  seines  Autors  um  so  unverfälschter  wiedergebe  und  der  Historiker
  um  80  unbefangener  seinem  Stoffe  gegenüberstehe,  wenn  er  von  keinem
System  beeinflußt  werde.  Dabei  tibersah  man,  daß  auch  unter  den  Philologen
und  Historikern  die  führenden  Geister,  wie  jeder  große  und  tiefe  Denker,  auf
systematische  Weltanschauung  und  Welterklärung  geführt  wurden.  Auch  verblieb
  den  Philologen  der  Philosophie  gegenüber  stets  eine  Art  Sehnsucht  und
Hochachtung  aus  der  Ferne,  die  von  der  Ehrfurcht  vor  der  Weisheit  der
Hellenen  genährt  wurde.

Was  aber  zur  Stillung  dieser  Sehnsucht  geschah,  war  meist  philologisches
Machwerk,  das  den  Zweck  nicht  im  mindesten  erreichte.  Dies  gilt  besonders
von  den  propädeutischen  Schriften  Trendelenburgs.”)  Daß  seine  Arbeiten  für

1)  Goethe,  Dichtung  und  Wahrheit.  II.  Teil,  7.  Buch.
»,)  F.  A.  Trendelenburg,  Elementa  Logices  Aristoteleae.  In  usum  scholarum  er
Arsstotele  excerpsit  convertit  illustravit.  Berolini  1886.  Editio  nona  1892.  —  Ders.,  Er-