Neuhumanismus.  219

die  Schule  im  Grunde  genommen  nur  eine  Verirrung  bedeuten,  konnte  nur
einem  Zeitalter  verborgen  bleiben,  das  lediglich  philologisch  gerichtet,  didaktisch
  aber  befangen  war.  Dennoch  bemerkte  schon  1853  ein  Schulmann  spottend:
  es  heiße  denn  doch  zu  viel  Achtung  vor  den  Primanern  hegen,  wenn
diesen  die  Logik  nach  Trendelenburg  in  griechischer  und  lateinischer  Sprache
geboten  werden  solle,  während  derselbe  Gelehrte  denselben  Gegenstand  seinen
Studenten  in  der  Muttersprache  vortrage.')  Unübertroffen  stehen  andererseits
die  Ratschläge  da,  die  A.  H.  Niemeyer  unter  dem  Einfluß  der  Idee  der  naturgemäßen
  Erziehung  (Locke,  Rousseau,  Basedow)  für  den  propädeutischen  Unterricht
  erteilt  hat.)  Aber  es  muß  dahingestellt  bleiben,  ob  sie  der  Praxis  viel
genützt  haben.  Auch  Hegels®)  und  Herbarts‘)  Bemühungen  haben  es  nicht
vermocht,  dem  philosophischen  Unterricht  den  rechten  Inhalt  und  eine  angemessene
  Lehrart  zu  sichern.  Was  Deinhardt°)  für  diesen  Unterricht  getan  hat,
war  seinerzeit  schon  nützlich  und  ist  auch  gegenwärtig  für  den  Lehrer  immer
noch  beachtenswert.

An  diesem  Zustande  vermochten  auch  die  Anordnungen  der  preußischen
Unterrichtsverwaltung  nicht  viel  zu  ändern.  Auf  einem  Gutachten  Hegels  beruht
  die  große  Verfügung  vom  Jahre  1825,°)  durch  welche  den  Gymnasien  ein
propädeutischer  Unterricht  in  der  Psychologie  und  Logik  empfohlen  wird.  Die
Erfolge  dieses  Unterrichts  sollten  nach  dem  Reglement  von  1834  in  der  Reifeprüfung
  festgestellt  werden,  und  1837  wird  empfohlen,  diesen  Unterricht  dem
Mathematiker  zu  übertragen.  Bald  darauf  wurde  im  Jahre  1839  nach  Deinhardts
  Anregungen  noch  einmal  auf  die  Notwendigkeit  der  philosophischen
Propädeutik  hingewiesen.)  Doch  schon  nach  etwa  20jährigem  Bestehen  wurde
dieser  Unterricht,  nachdem  er  bereits  von  der  Landesschulkonferenz  im  Jahre

läuterungen  zu  den  Elementen  der  Aristotelischen  Logik.  Zunächst  für  den  Unterricht  in
den  Gymnasien.  Berlin  1842.  2.  Aufl.  1861,  3.  Aufl.  1876.

N)  Grieben,  Die  Entbehrlichkeit  der  philosophischen  Propädeutik  als  einer  besonderen
Lektion  in  den  Gymnasien.  4°.  Köslin  1858.

°),  August  Hermann  Niemeyer,  Grundsätze  der  Erziehung  und  des  Unterrichte.
Halle  1796,  8  Teile;  9.  Aufl.  von  Hermann  Agathon  Niemeyer,  Halle  1834—1889;  neue  Ausgabe
  von  Wilh.  Rein  1878/79,  3  Bde.,  2.  Aufl.  1882/84,  II.  Bd.  $.  160—168:  Über  die  Anfangsgründe
  der  Philosophie.

9  G.W.F.  Hegel,  Philosophische  Propädeutik.  Herausgeg.  von  Karl  Rosenkranz.
Berlin  1840.  Hegels  Werke  18.  Bd.

%  J.  Fr.  Herbart,  Über  den  Unterricht  in  der  Philosophie  auf  Gymnasien.  Sämtl.
Werke  herausgeg.  v.  G.  Hartenstein,  11.  Bd.  S.  396—402.  —  Ders.,  Vorbereitung  zur  Philosophie
  auf  der  obersten  Klasse  eines  Gymnasiums.  Bruchstück.  Ebendas.  8.  402—405.  —
Ders.,  Lehrbuch  zur  Einleitung  in  die  Philosophie.  Sämtliche  Werke,  1.  Bd.,  S.  1—336
(1.  Aufl.  1818,  2.  Aufl.  1821,  3.  Aufl.  1834,  4.  Aufl.  1837).

°,  Joh.  H.  Deinhardts  kleine  Schriften,  Leipzig  1869.

®,  Ludwig  Wiese,  Verordnungen  und  Gesetze,  3.  Aufl.  bearb.  von  O.  Kübler.  Berlin
1866.  I  S.  175.  Auch  alle  übrigen  preußischen  Verordnungen  sind  in  diesem  Buche
zu  finden.

"),  Deinhardt,  Über  die  Berechtigung  der  philosophischen  Propädeutik  im  Gymnasialunterrichte.
  Zentralbibliothek  der  Pädagogik  und  des  Schulunterrichtse.  1889.  VI.  Heft
S.  7—23.