220  Rauscrn:  Philosophische  Propädeutik.

1849  für  entbehrlich  erklärt  worden  war,  durch  die  Verfügung  vom  Jahre  1856
als  selbständiges  Fach  wieder  aufgegeben,  während  der  Inhalt  der  philosophischen
  Unterweisung  auf  den  deutschen  Unterricht  übergehen  sollte.  Da
infolgedessen  der  philosophische  Unterricht  an  den  meisten  Schulen  vollständig
in  Wegfall  kam,  schien  es  der  Behörde  1862  angezeigt,  vor  völliger  Vernachlässigung
  der  Propädeutik  zu  warnen  und  in  den  Reifezeugnissen  eine  Bemerkung
  über  die  logischen  und  psychologischen  Kenntnisse  des  Abiturienten
zur  Regel  zu  machen.  Die  Lehrpläne  vom  Jahre  1882  begnügen  sich,  die
propädeutischen  Unterweisungen  dem  Lehrer  des  Deutschen  auf  der  Oberstufe
zu  überlassen,  und  die  Lehrpläne  von  1891  geben  sie  als  unfruchtbar  überhaupt
  auf.

Minder  traurig  ist  die  Rolle,  welche  die  philosophische  Propädeutik  auf
den  preußischen  Direktorenkonferenzen  gespielt  hat.  Nicht  weniger  als  18
Direktorenversammlungen  haben  sich  von  der  ersten  Konferenz  in  Preußen  im
Jahre  1831,  an  welcher  Herbart  teilnahm,  bis  zur  Gegenwart  mit  der  Frage  des
philosophischen  Unterrichts  beschäftigt,  und  alle  bis  auf  zwei  Konferenzen  haben
Unterricht  in  der  Logik  und  meistens  zugleich  auch  solchen  in  der  Psychologie
für  notwendig,  mindestens  für  wünschenswert  erklärt.!)

3.  Die  Anfänge  einer  neuen  Schulphilosophie.  Alle  berichtigten
Ansichten  über  den  philosophischen  Unterricht  gehen  zurück  auf  Rousseaus
‘Emile’  (1762).  Es  läßt  sich  kaum  in  der  Kürze  deutlich  machen,  was  die
wissenschaftliche  Pädagogik  diesem  Werke  überhaupt,  und  namentlich  für  diesen
schwierigen  Unterricht  verdankt.  Nachdem  Rousseau  den  Geist  seines  Zöglings
in  den  Knabenjabhren  nur  durch  Anschauung  unterrichtet  und  durch  klare
Vorstellungen  bereichert  hat,  schafft  er  in  der  dritten  Periode  des  Bildungsganges,
  d.  h.  in  dem  12.—16.  Lebensjahre,  aus  jenem  Vorstellungsmaterial  durch
planvolle  Lektüre  und  Belehrung  die  Begriffe,  die  er  wieder  unter  sich  zu
verknüpfen  und  zu  klären  sucht.  Wie  Kant  durch  seine  Kritik  den  Boden  bereitet
  hat,  auf  dem  allmählich  eine  wirklich  wissenschaftliche  Philosophie,  ja
sogar  nach  Verlauf  von  etwa  hundert  Jahren  eine  wissenschaftliche  Metaphysik
erwachsen  konnte,  ebenso  hat  Rousseau  durch  seine  Verurteilung  der  didaktischen
  Formgebung  aller  bisherigen  Schulphilosophie  den  Anfang  gemacht  zu
einer  zwar  sehr  langsamen,  aber  gesicherten  Entwickelung  der  philosophischen
Unterweisung.  Gesichert  aber  ist  der  philosophische  Unterricht,  der  auf  ihn
zurückgeht,  deshalb,  weil  er  sich  im  Einklang  mit  der  Psychologie  befindet.
Das  zeigt  sich  besonders  darin,  daß  er  die  Philosophie  nicht  von  oben  aufsetzt,
sondern  von  unten  aufbaut;  daß  er  nicht  für  die  Universität  arbeitet,  sondern
den  Geist  des  Zöglings  und  dessen  Ausbildung  zu  einem  richtigen  Ziele  führen
will;  daß  er  dies  nicht  als  Polyhistor  und  aus  enzyklopädischer  Neigung  tut,
sondern  als  Philosoph,  der  zu  den  höchsten  und  umfassendsten  Begriffen  des
menschlichen  Geistes  hinaufführt.

Rousseaus  Lehren  sind  in  der  folgenden  Zeit  keineswegs  unbeachtet  ge-1

  Gottlieb  Leuchtenberger,  Die  philosophische  Propädeutik  auf  den  höheren
Schulen,  ein  Wort  zu  ihrer  Einsetzung  in  ihre  alten  Rechte.  Berlin  1893.