222  Rauscu:  Philosophische  Propädeutik.

fahrung,  dem  Unterricht  und  der  Lektüre  entnahm,  in  die  rechte  Ordnung  und
in  begriffliche  Zusammenhänge  gebracht  werden  mußten.  Diese  Arbeit  führte
jederzeit  dazu,  einerseits  die  logischen  und  psychologischen  Formbegriffe  aufzudecken
  und  andererseits  etwas  für  die  Schaffung  einer  Lebens-  und  Weltanschauung
  zu  tun.  Wir  haben  auf  diese  Weise  eine  Reihe  von  Vorarbeiten
erhalten,  die  um  so  wertvoller  sind,  wenn  sie  nicht  bloß  als  Forderungen  und
Ratschläge,  sondern  als  Lehrproben  und  Lehrgänge  auftreten.

Also  innerhalb  der  einzelnen  Schulwissenschaften  hat  man  angefangen  zu
philosophieren,  und  das  ist  auch  der  rechte  Weg.  Auch  die  gegenwärtige  Philosophie
  als  Wissenschaft  ist  auf  diese  Weise  erwachsen,  was  von  W.  Wundt
in  dem  ersten  seiner  Essays  ‘Philosophie  und  Wissenschaft’  (Leipzig  1885)  dargestellt
  worden  ist.)  Die  Schulphilosophie  darf  in  dieser  Übereinstimmung  eine
Ermutigung  sehen  und  eine  Bürgschaft  dafür,  daß  sie  auf  dem  rechten  Wege
ist.  In  der  Tat,  es  ist  nötig,  daß  wir  die  Zeit  dazu  finden,  unseren  Unterricht
durch  philosophische  Betrachtungen  zu  bereichern  und  zu  heben.  Namentlich
auf  den  oberen  Stufen  müssen  wir  dahin  streben,  daß  wir  vor  der  Überfülle
des  sprachlichen,  naturwissenschaftlichen  und  besonders  des  historischen  Stoffes
zu  Atem  kommen  und  in  dem  Frondienst  des  Pensenzwanges  nicht  völlig  aufgehen,
  sondern  die  Materie  auch  begrifflich  bemeistern,  indem  wir  in  dem  Besonderen
  das  Allgemeine  und  neben  dem  wissenschaftlichen  Stoff  die  wissenschaftliche
  Form  beachten,  aus  den  Beispielen  das  Prinzipielle  gewinnen  und
von  den  Prinzipien  geleitet  die  konkreten  Tatsachen  heuristisch  durchgehen.
Die  Lernenden  werden,  wenn  dergleichen  fehlt,  nicht  satt  und  nicht  froh;  dagegen
  mutet  es  die  Jugend  an  wie  frischer  Hauch  und  Sonnenschein,  wenn  sie
angeleitet  wird,  die  Fülle  des  Einzelnen  philosophisch  zu  bemeistern.

Hier  liegen  die  Anfänge  des  rechten  Unterrichts  in  der  Philosophie.  Sie
setzen  voraus,  daß  ein  philosophisch  gebildeter  und  interessierter  Lehrer  in  den
Erfahrungen,  Anschauungen  urid  Kenntnissen  seiner  Schüler  das  philosophisch
Bedeutende  zu  entdecken  weiß,  daß  er  diese  Ergebnisse  zu  sammeln  und  diese
Gesamtergebnisse  zusammenzuschließen  versteht,  sei  es  im  Fachunterricht,  sei
es  in  besonderen  philosophischen  Stunden.  Für  diesen  Gegenstand  nehme  ich
die  Bezeichnung  Schulphilosophie  in  Anspruch.  Es  wird  dabei  nicht  übersehen,
  daß  unter  Schulphilosophie  ursprünglich  der  auf  den  Universitäten  herrschende
  Philosophieunterricht  und  erst  in  zweiter  Linie  der  propädeutische
Unterricht  höherer  Schulen  verstanden  wurde.  Gegenwärtig  aber  will  der  philosophische
  Unterricht  auf  den  Universitäten  mehr  sein  und  mehr  erreichen  als
jene  alte  Schulphilosophie.  Die  Bezeichnung  ist  somit  verfügbar  geworden  und
paßt  sehr  gut  für  die  Disziplin,  welche  für  höhere  Schulen  begründet  wird  als
der  Inbegriff  schulwissenschaftlicher  Weltanschauung,  auf  die  sich  das  Studium
der  Hochschulen  gründen  kann.

Diese  Schulphilosophie  tritt  in  Gegensatz  zu  dem  Fachunterricht,  der  nicht
philosophiert,  und  zu  demjenigen  philosophischen  Unterricht,  der  nicht  aus  den

1)  Vgl.  noch  besonders  die  lichtvolle,  auch  für  die  Schulphilosophie  entscheidende
Darlegung  in  Wundte  Logik,  II.  Bd.  2.  Abteilung  8.  2426.