224  Ruusca:  Philosophische  Propädeutik.

Lebenserhaltung.  Nicht  um  eine  unmittelbare  Fachbildung  für  diese  Kulturgebiete
  handelt  es  sich  dabei,  sondern  vielmehr  um  diejenige  verständnisvolle
Würdigung  der  verschiedenen  Gebiete  nationaler  Kulturarbeit,  welche  den  Gebildeten,
  unbeschadet  seiner  beschränkten  Berufstätigkeit,  zieren  soll.

Zu  dieser  Auffassung  gelangen  wir,  wenn  wir  hinblicken  auf  die  Wohlfahrt
  des  ganzen  Volkes,  aber  wir  kommen  zu  derselben  Forderung,  wenn  wir
an  den  einzelnen  denken  und  dessen  Wohl  ins  Auge  fassen.  Auch  dem  einzelnen
  Knaben  oder  Jüngling  wäre  nicht  damit  gedient,  wenn  nur  das  wissenschaftliche
  Organ,  der  Intellekt,  entwickelt  würde,  sondern  auch  das  Gemüt,  die
Phantasie  und  der  Wille,  die  Sinne  und  die  physischen  Kräfte  wollen  gepflegt
und  entwickelt  sein.  Wie  sich  aber  der  Intellekt  vornehmlich  in  der  Wissenschaft
betätigt,  so  haben  sich  diese  anderen  seelischen  und  körperlichen  Kräfte  der
Menschen  gleichfalls  ihre  besonderen  Provinzen  geschaffen  und  ausgebaut:  die
Religion,  das  politische  Leben,  die  Kunst  und  die  Provinzen  der  Lebenserhaltung.
  Mit  diesen  Gebieten  muß  also  die  Schule  ihren  Zögling  in  einer  pädagogisch
  wohlüberlegten  Weise  in  Berührung  bringen,  damit  auch  die  ent
sprechenden  Geisteskräfte  geweckt  und  geübt  werden.

Es  führt  also  eine  soziale  und  individuale  Betrachtungsweise  zu  demselben
Ergebnis,  daß  in  unserem  Unterricht  zwei  Tendenzen  gegeben  und  wirksam
sind,  von  denen  die  eine  auf  die  Wissenschaft  und  wissenschaftliche  Vorbildung
gerichtet  ist,  die  andere  den  Nachwuchs  für  die  Teilnahme  an  der  nationalen
Kultur  erziehen  will.  Daraus  haben  sich  zwei  Formen  im  Bildungswesen  ergeben:
  der  wissenschaftlich  gerichtete  oder  gelehrte  und  der  erziehende
Unterricht.  Es  wird  kaum  nötig  sein  zu  bemerken,  daß  diese  beiden  Richtungen
  in  ihrer  Reinheit  nur  selten  in  die  Erscheinung  treten,  sondern  in
wechselseitiger  Durchdringung  viele  Spielarten  hervorbringen,  so  daß  sich  der
Grundcharakter  oft  erst  in  den  eigenartigen  Folgeerscheinungen  offenbart.

Das  wesentliche  Merkmal  des  erziehenden  Unterrichts  darf  man  darin
sehen,  daB  er  den  Intellekt  des  Zöglings  nicht  allein  ins  Auge  faßt,  und  daß
er  sich  nicht  nur  der  Wissenschaften  als  der  geeigneten  Hilfsmittel  in  der
Schule  bedienen  will,  sondern  daß  er  die  menschliche  Psyche  im  ganzen  zu  entwickeln,
  also  auch  die  voluntarischen  Kräfte  sowie  die  sinnlichen  und  physischen
Tätigkeiten  auszubilden  sucht.  Er  ist  darum  geneigt,  in  und  neben  der  Schule
alle  möglichen  Veranstaltungen  zu  treffen,  welche  die  Persönlichkeit  zu  bilden,  für
den  Beruf  und  für  die  Gesamtheit  zu  erziehen  geeignet  erscheinen,  z.  B.  die  Pflege
der  Kunst,  das  Turnen,  das  Spielen,  das  Zeichnen,  Handfertigkeit  u.  &amp;.  Übrigens
haben  diese  beiden  Richtungen  im  Bildungswesen  von  jeher  im  Widerstreite  miteinander
  gestanden,  und  wenn  wir  die  lange  Reihe  literarisch  bedeutender  Pädagogen
durchmustern,  so  wird  sich  zeigen,  daB  sie  teils  der  einen,  teils  der  anderen
Richtung  zuneigen.  Wir  werden  aber  gut  tun,  den  Ehrennamen  eines  Klassikers
der  Pädagogik  nur  demjenigen  zuzuerkennen,  dem  es  gelungen  ist,  die  beiden
Bestrebungen  in  rechter  Weise  zu  einer  einheitlichen  Wirkung  zu  verschmelzen,
so  daß  die  beiden  Extreme  verhütet  werden,  die  darin  bestehen  würden,  daß  entweder
  durch  die  Vielgeschäftigkeit  des  erziehenden  Unterrichts  dilettantische  Ober-