226  Rıuscn:  Philosophische  Propädeutik.

wissenschaften  gewonnenen  Ergebnisse  entgegennimmt,  um  sie  vergleichend,
susgleichend  und  ergänzend  zu  einem  Gesamtbild  des  menschlichen  Wissens,  zu
einem  Weltbild,  zu  vereinigen.  Jene  formale  Aufgabe  wird  erfüllt  von  der
Logik,  den  Inhalt  aber  der  menschlichen  Erkenntnis  zu  einem  Weltbild  zu
gestalten,  ist  die  Metaphysik  berufen.  Diese  beiden  Disziplinen  der  Philosophie
  sind  am  wichtigsten  und  sind  durch  keine  Einzelwissenschaft  zu  ersetzen.
Mögen  auch  die  anderen  Zweige  der  Philosophie:  die  Psychologie,  die  Ethik,
die  Soziologie,  die  Religionsphilosophie,  die  Naturphilosophie  und  die  Ästhetik
immer  mehr  erstarken  und,  wie  gegenwärtig  die  Psychologie,  zu  selbständigen
Wissenschaften  werden,  jene  beiden  Aufgaben  müssen  der  Philosophie  stets
vorbehalten  bleiben.  Wer  philosophiert,  wird  zuletzt  jederzeit  bei  Problemen
ankommen,  die  logisch-erkenntnistheoretischer  oder  metaphysischer  Natur  sind.

Diese  Sachlage  hat  auch  schon  längst  die  Meinungen  und  Einrichtungen
im  Schulwesen  beeinflußt.  Wer  sich  zum  rein  gelehrten  Unterricht  bekannte
und  die  Jugend  für  die  wissenschaftlichen  Berufsarten  hauptsächlich  befähigen
wollte,  verlangte  eine  entsprechende  Propädeutik.  Diese  aber  konnte  nur  in
der  Logik  bestehen,  durch  welche  die  in  allen  Wissenschaften  gebräuchlichen
Formen  und  Methoden  zum  Bewußtsein  gebracht  werden  sollten.  Nur  zögernd
hat  man  hier  und  da  die  Psychologie  hinzugenommen  und  mit  der  Logik  verknüpft,
  weil  die  Psychologie  für  alle  Geisteswissenschaften  eine  ähnliche  Bedeutung
  hat,  wie  die  Logik  für  die  Gesamtheit  der  Wissenschaften.  Das  hat
auf  den  logisch-psychologischen  Unterricht  geführt,  die  verbreitetste  Form
philosophischer  Propädeutik.')

3.  Die  Forderungen  des  erziehenden  Unterrichts.  Das  metaphysische
  Bedürfnis  des  Menschen  entspricht  keineswegs  nur  dem  wissenschaftlichen
Sinn,  dem  Intellekt,  sondern  das  Gefühl  und  die  Phantasie  des  denkenden
Menschen  sind  nicht  minder  interessiert,  die  fragmentarische  Erkenntnis  zu  vervollständigen
  zu  einem  wissenschaftlich  befriedigenden  Weltbilde,  dem  dann  der
religiöse  Sinn  erst  die  rechte  Vollendung  verleiht.  Es  leuchtet  ein,  daB  sich
für  dieses  metaphysische  Bedürfnis  der  Jugend  der  erziehende  Unterricht
interessieren  mußte,  und  daß  er  folgerichtig  auf  eine  Art  des  philosophischen
Unterrichts  geführt  wurde,  der  nicht  nur  lehrt,  wie  man  richtig  denken  muß,
sondern  wie  Welt  und  Leben  aufzufassen  sind,  und  wie  bei  diesem  Streben  der
menschliche  Geist  von  jeher  auf  große  letzte  Probleme  geführt  worden  ist,
die  er  immer  von  neuem  zu  lösen  versucht  hat.

Auch  nach  der  Meinung  des  erziehenden  Unterrichtes  geht  der  Zugang  zur
Philosophie  durch  die  Wissenschaft,  und  der  einzelne  tut  gut,  von  einer  Einzelwissenschaft
  auszugehen,  um  sich  zu  den  Gesetzen  des  Denkens  und  zu  den
Problemen  der  Welt  zu  erheben.  Diese  didaktische  Meinung  steht  in  schönstem
Einklang  zu  der  geschichtlichen  Entwickelung  der  modernen  wissenschaftlichen
Philosophie  und  den  Anfängen  einer  neuen  Schulphilosophie,  wie  bereits  gezeigt
  wurde.  Es  schadet  auch  darum  gar  nichts,  wenn  zunächst  die  Anfänge

ı)  Wilhelm  Schrader,  Erziehungs-  und  Unterrichtelehre.  5.  Aufl.  Berlin  1889.
S.  608—509.