Logisches  und  metaphysisches  Bedürfnis.  227

der  Schulphilosophie  eine  gewisse  Einseitigkeit  bekunden,  die  von  der  Fachwissenschaft
  des  Schulphilosophen  herrührt.  Jedenfalls  aber  führt  der  erziehende
  Unterricht  nicht  auf  diejenige  Auffassung  der  Philosophie,  für  welche
neben  dem  erkenntnistheoretischen  Problem  kaum  noch  andere  in  Betracht
kommen.  Wir  werden  vielmehr  dazu  geführt,  die  Pbilosophie  im  Sinne  der
Alten  aufzufassen,  die  Herbart  gelegentlich  als  gar  zu  metaphysisch  bezeichnet
hat,  und  im  Sinne  von  Leibniz,  dem  unter  den  Neueren  keiner  näher  kommt
als  Wilhelm  Wundt.

Der  erziehende  Unterricht  verspricht  sich  von  einer  elementaren  Unterweisung
  in  den  Lehren  und  Ideen  der  Philosophie  eine  Wirkung  auch  auf  die
praktische  Vernunft,  und  in  dieser  Hoffnung  verrechnet  er  sich  nicht,  denn
seiner  Bemühung  kommt  das  spekulative  Bedürfnis  der  jugendlichen  Menschenseele
  entgegen.  Dem  Geiste  eines  Jünglings  würde  nicht  volle  Genüge  getan,
wenn  er  auf  dem  Standpunkte  festgehalten  würde,  den  Kant  durch  seine  Kritik
der  reinen  Vernunft  geschaffen  hat,  auf  dem  allein  der  Intellekt  das  Wort
führt  und  mit  unerbittlicher  Kritik  allen  metaphysischen  Überzeugungen  und
Gottesbeweisen  die  Tür  weist;  er  will  ihn  vielmehr  über  diesen  Standpunkt
hinaus  auf  denjenigen  der  praktischen  Vernunft  führen,  damit  er  nach  jener
Tempelreinigung  nun  wiedergewinne  auch  auf  wissenschaftlichem  Wege  die
hohen  Ideen:  Gott,  Freiheit,  Unsterblichkeit.

Wenn  es  schon  als  eine  lockende  Aufgabe  sich  zeigt,  innerhalb  der  einzelnen
  Unterrichtsfächer  sich  zu  erheben  zu  umfassenden  Begriffen  und  Lehren,
so  wird  sich  diese  Überzeugung  erst  befriedigt  erklären,  wenn  die  in  den  einzelnen
  Unterrichtsfächern  angedeuteten  philosophischen  Begriffe  und  Probleme
zuletzt  auch  in  einem  besonderen  Fache  gesammelt  und  vereinigt  werden,  damit
sich  der  Lernende  eine  Welt-  und  Lebensanschauung,  oder  bescheidener  gesprochen
  eine  Gesamtanschauung  bilden  kann.

Zu  diesem  Unternehmen  aber  fühlen  wir  uns  um  so  mehr  verpflichtet,  weil  es
auch  die  Entwickelung  des  gelehrten  Unterrichts  mit  sich  gebracht  hat,  daß  die
Zahl  der  Unterrichtsfächer  immer  größer  wurde.  Das  Spezialistentum  der  Wissenschaft
  hat  in  der  Schule  sein  Gegenbild  an  dem  Fachunterricht.  Dem  Spezialistentum
  kann  im  Bereiche  der  Wissenschaft  niemand  wehren,  ohne  sich  selbst  und  die
Sache  zu  schädigen;  ebenso  braucht  such  der  gelehrte  Unterricht  für  die  einzelnen
Fächer  wissenschaftlich  geschulte  Fachmänner.  Wir  haben  in  dieser  Differenzierung
  ein  Gesetz  anzuerkennen,  von  dem  sich  die  Wissenschaft  und  ihre  Lehre  beherrscht
  zeigt.  Wenn  man  darüber  als  über  einen  Übelstand  klagt,  so  sollte  man
erstens  bedenken,  daß  die  Spezialisierung  der  Wissenschaften  und  Unterrichtsfächer
  für  den  Lernenden  den  großen  Vorteil  hat,  daß  ihm  der  Gegenstand  um
so  konkreter,  anschaulicher  und  faßlicher  dargestellt  wird.  Zweitens  aber  sollte
man  nicht  übersehen,  daß  es  gegen  den  eigentlichen  Übelstand  spezialistischer
Beschränkung  und  Beschränktheit  eine  Abhilfe  gibt:  die  Philosophie.  Je  mehr
sich  das  Spezialistentum  fühlbar  macht,  um  so  mehr  ist  das  Bedürfnis  hervorgetreten
  nach  einer  rückläufigen  Gedankenbewegung,  die  zur  Einheit  hindrängt

und  eine  Überschau  des  Mannigfaltigen  ermöglicht.  Diesem  Bedürfnis  sucht  der
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