228  Rausca:  Philosophische  Propädeutik.

erziehende  Unterricht  Genüge  zu  tun  durch  schulphilosophischen  Unterricht,
  sei  es,  daß  dieser  sich  innerhalb  der  einzelnen  Schulwissenschaften  immanent
  vollzieht,  sei  es,  daß  er  als  ein  mit  besonderen  Unterrichtsstunden  begabtes
  Fach  auftritt.')

4.  Die  subjektive  Begründung.  Wenn  sich  aus  dem  Wesen  der  Wissenschaft
  und  ihrer  Lehre  die  Notwendigkeit  philosophischer  Unterweisung  objektiv
  dartun  ließ,  so  ergibt  sich  die  gleiche  Forderung,  wenn  wir  unsere
Aufmerksamkeit  noch  genauer  auf  das  subjektive  Bedürfnis  der  am  Unterricht
  Beteiligten  lenken:  philosophische  Unterweisung  ist  ein  Bedürfnis  für  den
Schüler,  für  den  Lehrer  und  für  den  inneren  Organismus  der  Schule.

Es  darf  als  eine  anerkannte  Erfahrung  hingestellt  werden,  daß  sich  bei
jungen  Leuten  im  Alter  von  16—20  Jahren  eine  erhebliche  Steigerung  des
spekulativen  Interesses  kundgibt.  Während  der  Knabe  die  verschiedenartigsten
Lehren  und  Anschauungen  ganz  unbekümmert  um  ihre  Aus-  und  Angleichung
und  ohne  Kritik  hört,  lernt  und  verwendet,  erwacht  im  Jüngling  das  Einheitsbedürfnis,
  das  nach  einer  Gesamtanschauung  verlangt.  Ja,  das  spekulative
Interesse  tritt  in  diesem  morgenfrischen  Lebensalter  vielfach  so  kraftvoll  hervor,
  daß  spätere  Lebensalter  in  der  Regel  nichts  dazuzutun  vermögen,  sondern
es  eher  durch  praktischere  Interessen  einschränken  und  verschütten.  Wird  das
philosophische  Interesse  in  keiner  Weise  gelenkt  und  gepflegt,  so  wird  es  leicht
auf  Abwege  geraten  oder  vielmehr  meistens  die  eine  große  und  bequeme  Heerstraße
  des  naiven  Materialismus  und  Naturalismus  betreten.  Ja,  es  sind  nicht
einmal  immer  die  Schlechtesten,  die,  über  die  Probleme  der  Philosophie  ungenügend
  aufgeklärt,  der  ersten  besten  Weltanschauung  zum  Raube  werden,  die
agitatorisch  verkündet  wird  und  dem  metaphysischen  Bedürfnis  der  Menschen
entgegenkommt.  Ferner:  Wenn  der  Schüler  ganz  in  der  Beschäftigung  mit
den  vorwiegend  empirisch  gerichteten  Einzelwissenschaften  aufgeht,  so  glaubt
man  auch  noch  den  Nachteil  befürchten  zu  müssen,  daß  er  es  nicht  lernt,  sich
über  den  Kampf  der  selbstsüchtigen  und  materiellen  Interessen  zu  erheben  zu
der  hohen  Warte,  von  der  die  Philosophie  die  menschlichen  Dinge  betrachtet,
leidenschaftslos  und  ernst,  der  Religion  eher  verwandt  als  entgegengesetzt.
Auch  bringt  ja  gerade  die  philosophische  Betrachtung,  die  allenthalben  auf
Probleme  aber  nicht  auf  Gewißheiten  hinführt,  jedem  zum  Bewußtsein,  wie  sehr
unser  menschliches  Wissen  Stückwerk  ist.  Hat  doch  auch  die  antike  Philosophie
  dem  Christentum  in  der  griechisch-römischen  Welt  erst  die  Stätte  bereiten
  helfen  und  dazu  beigetragen,  daB  die  Zeit  erfüllet  ward.  Auf  die  großen
Probleme  menschlicher  Forschung  hingewiesen  zu  werden,  wird  jedem  Jüngling
segensreich  sein.

Auch  der  Lehrer  bedarf  für  seine  Arbeit  der  Philosophie  Der  philosophisch
  gebildete  Lehrer  wird  besonders  befähigt  sein,  nicht  allein  für  die
Besprechung  und  Erklärung  des  Begrifflichen,  sondern  er  wird  auch  gerade  das
Konkrete  richtig  zu  wählen,  zu  würdigen  und  auszunützen  wissen  für  die  Aus-)

  Rudolf  Eucken,  Gesammelte  Aufsätze.  Leipzig  1908.  S.  229—239.  —  A.  Matthias,
  Praktische  Pädagogik.  2.  Aufl.  München  1903.  8.  40f.