230  Rauscn:  Philosophische  Propädeutik.

philosophischen  Denken  vielen  nicht  genügen,  wird  als  dritte  Art  eine  schulphilosophischer
  Unterricht  gefordert,  welcher  den  philosophisch  orientierten
Fachunterricht  voraussetzt,  aber  doch  einen  selbständigen  Lehrgang  unternimmt,
der  nicht  sowohl  für  das  wissenschaftliche  Studium  vorbereiten,  sondern  vielmehr
  die  Schulwissenschaften  abschließen  will.  Nur  diese  drei  Arten  können
als  berechtigte  Formen  philosophischer  Unterweisung  in  Betracht  kommen,  so
daß  alle  übrigen,  oft  recht  willkürlichen  Meinungen  und  Vorschläge  abgewiesen
werden  dürfen.

Von  diesen  drei  Arten  ist  der  Unterricht  in  der  Logik,  mit  der  sich  nur  zuweilen
  auch  etwas  Psychologie  verband,  die  verbreitetste  Form  philosophischer
Unterweisung  auf  höheren  Schulen  geworden.!)  Dieser  logisch-psychologische
Unterricht  erscheint  bald  selbständig  und  mit  besonderen  Unterrichtsstunden
begabt,  bald  wird  er  mit  einem  anderen  Unterrichtsfach,  in  der  Regel  mit  dem
Deutschen  verknüpft  und  in  dieses  eingeschaltet.  Er  ist  oftmals  angegriffen
und  unter  Berufung  auf  die  Schülerszene  im  ‘Faust’  verspottet  und  verworfen
worden;  aber  er  ist  auch  oft  gerlihmt,  zurückgewünscht  und  zuweilen  in  hohen
Tönen  gepriesen  worden.  Und  doch  läßt  sich  nicht  leugnen,  daß  diese  gewöhnliche
  Propädeutik  recht  vieles  gegen  sich  hat.  Es  liegt  zu  nahe,  daß  dieser
logisch-psychologische  Unterricht  Form  und  Inhalt  dem  Hochschulunterricht
entnimmt  und  den  Schülern  wenig  bietet.  Wird  er  außerdem  noch  in  den
deutschen  Unterricht  eingeschaltet,  so  daß  der  deutsche  Lehrer  neben  seiner  umfassenden
  Unterrichtsaufgabe  sich  anheischig  macht,  im  Vorbeigehen  die  philosophische
  Bildung  seiner  Primaner  zu  begründen,  so  kann  entweder  aus  dem
Unterricht  in  deutscher  Art  und  Kunst  oder  aus  dem  Unterricht  in  Philosophie
vicht  viel  werden.  Bei  aller  Anerkennung  der  praktischen  und  literarischen
Leistungen,  welche  dieser  Unterricht,  besonders  in  Österreich,  gezeitigt  hat,
kann  er  nur  als  ein  Notbehelf,  nicht  aber  als  die  rechte  Lösung  der  Aufgabe
gelten.  Und  wenn  dieser  Unterricht  trotz  der  guten  Lehrbücher  und  der  entwickelten
  Methode  außerhalb  Österreichs  nicht  recht  Eingang  findet,  so  liegt
der  Grund  dazu  doch  wohl  nicht  allein  in  der  Unlust  oder  dem  Unvermögen
der  Personen,  sondern  vielmehr  in  der  Sache,  weil  der  logisch-psychologische
Unterricht  nicht  das  ist,  was  unsere  Jugend  braucht  und  was  den  Lehrer  wahrhaft
  befriedigt.  In  dieser  Zurückhaltung  verrät  sich  ein  gesunder  didaktischer
Sinn,  der  sich  nicht  von  neuem  eine  Kritik  zuziehen  möchte,  wie  die  im
‘Faust’,  so  daß  die  Schüler,  was  sie  zu  hören  bekommen,  entweder  für  selbstverständlich
  oder  für  unverständlich  erklären,  oder  auch,  wie  es  sich  ereignet
hat,  den  Lehrer  zu  ihrem  Erstaunen  bereits  am  Ende  des  propädeutischen  Kursus

1)  Gustav  Wendt,  Didaktik  und  Methodik  des  deutschen  Unterrichte  und  der  philosophischen
  Propädeutik.  München  1896.  S.  134—157.  —  Rudolf  Lehmann,  Der  deutsche
Unterricht.  2.  Aufl.  Berlin  1897.  8.  889—437.  —  Ders.,  Über  philosophische  Propädeutik.
Berlin  1900.  4°,  wiederholt  in  dem  Werke  “Erziehung  und  Erzieher’.  Berlin  1901.  Kap.  9.
—  Richard  Jonas,  Die  Philosophie  in  der  höheren  Schule.  Berlin  1903,  auch  in  VD.
66.  Bd.  8.  1—29.  —  G.  Uhlig,  Über  die  philosophische  Propädeutik.  HG.  95.  8.  181—188.

Hacks,  Über  den  Unterricht  in  der  philosophischen  Propädeutik,  besonders  an  Oberrealschulen.
  ZIS.  15.  Jahrgang.  4.  u.  5.  Heft.