Schulphilosophische  Schriftsteller.  231

angelangt  sehen,  wenn  sie  gerade  meinen,  daß  er  nun  zur  eigentlichen  Philosophie
  kommen  werde.

Der  philosophisch  gerichtete  Unterricht  ist,  wie  gesagt,  von  Rousseau
zuerst  richtig  verstanden  und  beschrieben  worden,  in  neuerer  Zeit  ist  besonders
Theobald  Ziegler‘)  für  ihn  eingetreten,  der  in  der  Philosophie  nicht  einen  geeigneten
  Unterrichtsstoff  sieht,  wohl  aber  die  Allgegenwart  der  Philosophie  in
allen  Unterrichtsfächern  verlangt.  Im  Grunde  meinte  es  auch  Trendelenburg
schon  so,  aber  er  sah  in  der  Forderung,  daß  alle  Unterrichtsfächer  im  philosophischen
  Sinne  erteilt  werden  sollen,  ein  unerreichbares  Ideal  und  begnügte
sich  darum  mit  dem,  was  er  für  erreichbar  hielt,  dem  Unterricht  in  der  Logik.
So  wenig  auch  dem  Gymnasium  mit  seinen  Elementen  der  Aristotelischen  Logik
gedient  war,  so  hatte  er  doch  recht  mit  seinen  Zweifeln  an  der  Erreichbarkeit
jenes  Ideals..  Es  bleibt  in  der  Tat  fraglich,  ob  man  schlechthin  jedem  Unterrichtsfach
  empfehlen  darf,  sich  bei  jeder  Gelegenheit  auf  philosophische  Belehrung
  einzulassen,  ob  den  Schülern  und  dem  Gegenstand  des  besonderen  Faches
damit  in  jedem  Falle  gedient  ist  und  ob  sich  immer  oder  auch  nur  oftmals  die
philosophisch  geschulten  Lehrer  finden  werden.  Doch  wird  man  an  der  Forderung
  immer  festhalten  dürfen,  daB  wenigstens  diejenigen  Schriften  und  Unterrichtsgebiete,
  welche  sich  mit  der  Philosophie  unmittelbar  berühren,  für  die
philosophische  Belehrung  des  Schülers  fruchtbar  gemacht  werden.  Derartige
Beiträge  zur  Philosophie  finden  sich  sowohl  in  den  humanistischen,  wie  realistischen
  und  mathematischen  Unterrichtsfächern.?)

Von  der  Platolektüre  auf  dem  Gymnasium  wird  man  immer  hochdenken
müssen.?)  Aber  es  beruht  entweder  auf  Selbsttäuschung  oder  großer  Anspruchslosigkeit,
  zu  glauben,  daß  die  Lektüre  der  landläufigen  Schriften  Platos  philosophisches
  Urteil  begründen  könne  Wenn  die  mythologischen  Anschauungen
Platos,  seine  ontologischen  Irrtümer  und  naiv  unbeholfenen  Beweise  entfaltet
oder  gar  angepriesen  werden,  kann  unseren  jungen  Leuten  nicht  wohl  sein,  und
der  Reiz,  die  ersten  Versuche  menschlicher  Forschung  kennen  gelernt  zu  haben,
entschädigt  unsere  Jünglinge  keineswegs  für  die  Enttäuschung,  etwas  ganz
anderes  gefunden  zu  haben,  als  was  sie  suchen  und  brauchen.  So  seltsam  es
klingen  mag,  die  philosophischen  Schriften  Ciceros  bereichern  philosophisch
unsere  Jugend  mehr  als  Plato,  weil  Cicero  in  den  philosophischen  Grundfragen
nüchterner  urteilt.  Man  sollte  sich  auch  nicht  länger  dagegen  verschließen,
daß  die  ästhetischen  Schriften  Schillers  mehr  den  Philologen  als  den  Philosophen
befriedigen.  Sie  zeigen  einen  dichterisch-rhetorischen  Charakter,  sind  philosophisch
für  den  Schüler  nicht  ertragreich  genug,  jedenfalls  zur  Grundlegung  wenig  geı)

  Theobald  Ziegler,  Die  Philosophie  in  der  Schule.  Beil.  zur  Allgemeinen  Zeitung
1895.  12.  Oktober.  Nr.  286.  8.  1—6.  Ders.,  Allg.  Pädagogik.  Leipzig  1901.  8.  59ff.

*,  Hermann  Meier,  Der  analytische  Unterricht  und  die  philosophische  Propädeutik
(Ein  Beitrag  zu  einer  Schulphilosophie)  LL.  1881.  11.  Heft  8.  10—42.  —  O.  Weißenfels,
Die  Philosophie  auf  dem  Gymnasium.  ZGW.  1899  S.  1—19  und  9.  78—98.

»  Hermann  Stier,  Erläuterungen,  Betrachtungen  und  Parallelen  zu  Platos  Kriton.
Mühlhausen  i./Thür.  1874.  4.  —  Gustav  Schneider,  Die  Weltanschauung  Platos  dargestellt

  im  Anschluß  an  den  Dialog  Phädon.  Berlin  1895.