232  Rausch:  Philosophische  Propädeutik.

eignet.  Schon  besser  können  diesem  Zwecke  einige  Schriften  Lessings  dienstbar
  gemacht  werden,  besonders  die  Abhandlungen  über  die  Fabel  und  der
Laokoon.!)  Über  die  Dichtungen  unserer  Klassiker  aber  müssen  wir  urteilen,
daß  sie  von  höchstem  philosophischen  Werte  sind,  weil  sie  die  tiefsten  und
umfassendsten  Gedanken  und  Begriffe  der  Menschheit  anschaulich  klarmachen.
Das  ist  gerade  das  unterscheidende  Merkmal  aller  klassischen  Dichtungen  und
ganz  besonders  unserer  klassischen  Dramen,  daß  durch  sie  vermöge  ihres  typischen
Charakters  Anschauung  und  Begriff  in  gleicher  Weise  befriedigt  werden.!)  Neben
diesen  verdienen  als  schulphilosophisch  ergiebige  Werke  des  Altertums  Homer  und
Antigone,?)  aus  der  englischen  Literatur  Robinson  und  Macbeth  hervorgehoben  zu
werden.  Was  endlich  die  deutschen  Lesebücher  für  Prima  anbelangt,  welche  neben
allerlei  historischen  und  naturwissenschaftlichen  Abschnitten  auch  philosophische
Lesestücke  bieten  wollen,  so  wird  man  derartige  Hilfsmittel  ja  nicht  überschätzen
  dürfen,  denn  was  sie  bieten,  ist  fragmentarisch,  ist  buntscheckig,  zeigt
eine  wechselnde  und  fremdartig  erscheinende  Terminologie,  entspricht  häufig  nicht
mehr  unseren  Überzeugungen  und  ist  auch  keineswegs  für  Schulzwecke  geschrieben.
Wer  alles  dies  bedenkt,  wird  sich  nicht  leicht  entschließen  können,  derartige  Lesestäcke
  zur  Grundlage  seines  Unterrichts  zu  machen.  Wer  es  tut,  ist  kein  rechter
Philosoph,  sondern  in  dem  Philosophenmantel  steckt  der  philologische  Interpret.

Die  dritte  Art  des  Unterrichts,  der  Unterricht  in  der  Schulphilosophie,
  will  das,  was  der  logische  Unterricht  zur  Hauptsache  macht,  nur  in
beschränktem  Umfange  bieten.  Er  ist  sich  bewußt,  daß  man  den  jugendlichen
Schülern  im  logischen  Unterricht  zu  viele  unfruchtbare  Abstraktionen  und  Distinktionen
  zugemutet  hat.  Darum  beschränkt  er  sich  auf  wenige  Grundlehren,  auf
‘das  Einmaleins’  der  Logik  und  Methodenlehre,  um  dieses  Wenige  auch  zu  üben
und  geläufig  zu  machen.  Während  er  auf  ganze  Kapitel  der  Logik  verzichtet,  z.  B.,
um  mit  Kant  zu  reden,  auf  ‘den  unnützen  Plunder  der  syllogistischen  Figuren’,
wird  er  wieder  anderes,  was  für  die  wissenschaftliche  Ausbildung  wirklich  gute
Dienste  leistet,  viel  mehr  und  fortgesetzt  üben.  So  sollen  die  Schüler  nicht
bloß  erfahren,  wie  eine  Definition  zustande  kommt,  sondern  sollen  eine  gewisse
Fertigkeit  im  Definieren  wichtiger  Begriffe  erlangen.  Definitionen  erfüllten  in
früheren  Jahrhunderten  die  Lehrbücher  und  den  Unterricht:  in  unseren  jetzigen
Lehrbüchern  werden  sie  kaum  vermißt.  Aber  in  unserem  mündlichen  Unterrichtsbetrieb
  sind  sie  sehr  zum  Schaden  der  Sache  und  der  Schüler  zurückgetreten.
  In  jeder  Schulwissenschaft  sollten  die  Grundbegriffe  klar  hervortreten
und  auch  definiert  werden.  Wenn  solche  Definitionen  oftmals  auch  nur  einen
vorläufigen  Dienst  leisten,  so  geben  sie  doch  dem  Schüler  Klarheit,  und  der
Unterricht  trägt  fortgesetzt  Sorge  dafür,  daß  der  Begriff  bestimmter  und  inhalt-1

  W.  Wundt,  Lessing  und  die  kritische  Methode.  Essays.  Leipzig  1885.  S.  367—386.
—  A.  Rausch,  Lessings  Laokoon.  LL.  1897.  52.  Heft  3.  1—29.

»,  Oskar  Weißenfels,  Die  philosophischen  Elemente  unserer  klassischen  Literaturperiode
  nach  ihrer  Verwendbarkeit  für  die  Schule.  HG.  190%.  8.  18—26.

®)  Alfred  Rausch,  Religion  und  Gesittung.  Deutsch-evangelische  Blätter  1897.
8.  217—232.