Schulphilosophische  Begriffe.  233

reicher  wird,  so  daß  gegebenenfalls  zum  Abschluß  eine  wissenschaftlich  ausreichende
  Definition  gewonnen  werden  kann.')  Jedenfalls  ist  es  kein  richtiges
Verfahren,  wenn  sich  junge  Leute  jahrelang  mit  Geschichte  oder  Naturwissenschaften
  beschäftigen,  ohne  solche  Begriffe  bestimmen  zu  können  wie:  Humanismus,
  Humanität,  Güter,  Gesellschaft,  Kirche,  Staat,  Ehre,  Freiheit,  Volksund
  Kunstpoesie,  Tragisch  und  Komisch,  Sage  und  Märchen,  das  Idyllische,
Gesetz,  Kraft  usw.  Zunächst  verfolgt  also  der  schulphilosophische  Unterricht
dasselbe  Ziel  wie  der  philosophisch  gerichtete  Unterricht,  nur  daß  er  für  die
Erreichung  dieses  Zieles  mehr  tun  will  Er  empfiehlt,  daß  die  einzelnen  Schulwissenschaften
  in  philosophischem  Sinne  gelehrt  werden,  fügt  aber  noch  einen
besonderen  selbständigen  Kursus  hinzu.

Über  den  Inhalt  desselben  gehen  freilich  die  Ansichten  noch  sehr  auseinander.
  Die  einen  empfehlen  Unterricht  in  der  Geschichte  der  Philosophie.?)
Dieser  Weg  aber  würde  allen  Grundsätzen  einer  vernünftigen  Lehrkunst  durchaus
widersprechen.  Es  empfiehlt  sich  nicht  einmal  für  den  Studierenden,  mit  der
Geschichte  der  Philosophie  seine  philosophischen  Studien  zu  beginnen,  geschweige
für  den  Schüler.  Andere  Gelehrte  und  Schulmänner  möchten  den  Unterricht
an  eine  philosophische  Schrift  anschließen.  Ferdinand  Jakob  Schmidt?)  hat
vorgeschlagen,  das  System  eines  einzigen  und  zwar  des  größten  deutschen  Philosophen,
  mit  dem  sich  jede  moderne  Philosophie  auseinandersetzen  muß,  zum
Unterrichtsgegenstande  zu  machen,  indem  eine  volkstümliche  Darstellung  der
Lehren  Kants  benutzt  wird,  welche  noch  zu  schaffen  wäre.  Andere  möchten
Schiller  in  dieser  Weise  behandeln,  z.  B.  Kühnemann,  der  eine  schöne  Ausgabe
der  philosophischen  Schriften  Schillers  geliefert  hat“)  Auch  Schriften  von
Descartes  und  Locke  sind  in  Vorschlag  gebracht  worden.  Ferner  sind  philosophische
  Lesestäcke°®)  und  philosophische  Lesebücher®)  zusammengestellt  worden.
  Ganz  so  verkehrt  wie  der  philosophisch-geschichtliche  Lehrgang  wäre
dieses  Verfahren  nicht,  doch  würde  es  sich  bald  als  philologischer  Mißgriff
herausstellen;  denn  keine  dieser  Schriften  ist  als  Lehrbuch  für  Schüler  verfaßt,
keine  bringt  schlicht  und  ohne  Irrtum  das  zum  Ausdruck,  was  wir  für  wahr
halten,  jede  hingegen  bedient  sich  einer  anderen  und  besonderen  Terminologie.

Es  bleibt  nur  die  eine  berechtigte  und  verheißungsvolle  Form,  welche

1)  Georg  Frick,  Definitionsübungen  in  Prima.  Zeitschr.  für  den  deutschen  Unterricht.
  1908.  8.  271—290.  —  E.  v.  Sallwürk,  Logik  und  Schulwissenschaft.  Pädagogische
Blätter.  Bd.  38.  1904.  8.  345—854  u.  386—899.

»,  Johannes  Rehmke,  Die  philosophische  Propädeutik  als  Unterrichtsfach  in  der
Prima  unserer  höheren  Schulen.  MhS.  1902.  8.  242—246.

®)  Ferdinand  Jakob  Schmidt,  Die  Philosophie  auf  den  höheren  Schulen.  Preuß.
Jahrbücher  1902.  S.  461—482,  1904  9.  587  ff.

N  Eugen  Kühnemann,  Schillers  philosophische  Schriften  und  Gedichte  (Auswahl).
Zur  Einführung  in  seine  Weltanschauung.  Leipzig  1902.

6)  A.  Meinong  und  A.  Höfler,  Zehn  Lesestücke  aus  philosophischen  Klassikern.
2.  Aufl.  Wien  18986.

®%)  Gottlieb  Leuchtenberger,  Hauptbegriffe  der  Psychologie.  Ein  Lesebuch  für

höhere  Schulen  und  zur  Selbstbelehrung.  Berlin  1899.  —  A.  Gille,  Philosophisches  Lesebuch
  in  systematischer  Anordnung.  Halle  1904.