234  Rausca:  Philosophische  Propädeutik.

durch  die  obengenannten  Anfänge  der  neuen  Schulphilosophie  gekennzeichnet
worden  ist:!)  es  gilt,  die  in  der  Erfahrung  und  im  Unterricht  gegebenen  Begriffe
  zu  einer  Gesamtanschauung  zu  vereinigen  und  in  ein  System  zu  bringen,
das  die  Schulwissenschaften  abschließt  und  den  weiteren  wissenschaftlichen
Studien  zum  Ausgangspunkt  dient.  Hier  zeigt  sich  lockende  und  lohnende
Arbeit  für  die  höheren  Schulen:  kein  Gelehrter,  kein  Forscher,  kein  Hochschullehrer
  kann  sie  für  uns  tun,  wir  müssen  sie  selbst  vollbringen  mit  Bilfe  der
Wissenschaft  und  der  Lehrkunst.

IL  PRAKTISCH.

1.  Die  äußere  Einrichtung  des  philosophischen  Unterrichts.  Am
reichsten  dotiert  ist  der  philosophische  Unterricht  in  Frankreich.  Hier  wird
nach  wie  vor  der  Schulreform  von  1903  in  allen  höheren  Schulen  Philosophie
gelehrt.  Zunächst  haben  die  4  ersten  Schuljahre,  die  Classes  pr&amp;paratoires  et
el&amp;mentaires,  welche  unseren  Vorschulen  zu  vergleichen  sind,  den  Unterricht  in
der  Sittenlehre,  welche  nach  zweijähriger  Unterbrechung  dann  auf  der  Mittelstufe
  in  der  IV.  und  III.  Klasse  (etwa  gleich  Tertia)  wiederkehrt.  Die  oberste
Klasse  der  höheren  Schulen  gewährt  der  Philosophie  einen  breiten  Raum  in
8  und  während  des  einen  Halbjahres  sogar  9  Stunden  wöchentlich,  sie  heißt
danach  auch  Classe  de  philosophie.  Was  hier  nach  dem  Plan  d’6tudes  gelehrt
  wird  —  Psychologie,  Logik,  Ethik,  die  Elemente  der  Metaphysik,  die
geschichtlich  wichtigsten  der  philosophischen  Systeme  —,  ersieht  man  am  besten
aus  den  gebräuchlichen  Lehrbüchern”)  Die  Methode  besteht  im  Vortrag,  in
der  Lektüre  philosophischer  Autoren  und  in  schriftlichen  Ausarbeitungen.  Die
Erfolge  dieses  Unterrichts  werden  in  Frankreich  einmütig  anerkannt,  doch  sind
Zweifel  an  der  Richtigkeit  des  Verfahrens  und  der  Stoffauswahl  berechtigt;
denn  es  ist  leicht  zu  erkennen,  daß  dieser  Unterricht  nicht  aus  den  Schulwissenschaften
  herauswächst,  sondern  von  oben  her,  das  heißt  von  der  Universität
hergenommen  und  aufgesetzt  wir.  Und  was  den  Moralunterricht  auf  der
Unter-  und  Mittelstufe  anlangt,  so  geben  wir  unserem  Religionsunterricht  auch
sus  didaktisch-psychologischen  Gründen  den  Vorzug,  weil  er  in  den  biblischen
Geschichten  einen  ganz  unvergleichlichen  Unterrichtsstoff  hat.  Ganz  ähnlich  ist
das  Verfahren  in  der  Schweiz,  wo  in  den  höheren  Schulen  fast  überall  philosophischer
  Unterricht  anzutreffen  ist,  der  besonders  in  den  katholischen  Schulen
hohe  Stundenzahlen  aufweist,  z.  B.  in  Luzern  8  Stunden  während  der  letzten
beiden  Schuljahre.

!)  Es  verdienen  vor  allem  hervorgehoben  zu  werden  als  humanistischer  Beitrag  Hermann
  Meier,  Das  Wesen  des  Staates.  Zusammenfassende  Begriffsentwicklung  nach  der
Lektüre  von  Platos  Kriton.  LL.  27.  Heft  1891,  S.  119—128  und  von  realistischer  Seite
kommend  August  Schulte-Tigges,  Philosophische  Propädeutik  auf  naturwissenschaftlicher
  Grundlage  für  höhere  Lehranstalten  und  zum  Selbstunterricht.  2.  Aufl.  Berlin  1904.

»,  Paul  Janet,  Trait6  El6menteire  de  Philosophie  &amp;  l’usage  des  classes.  3.  Edition.
Paris  1888.  —  Elie  Rabier,  Legons  de  philosophie.  I.  Psychologie.  6.  Edit.  Paris  1898,
II.  Logique.  4.  Edit.  1899.  —  Emile  Boirac,  Cours  &amp;lömentaire  de  philosophie.  16.  Edit.
Paris  1902.  (Bes.  empfehlenswert.)