Österreich  und  Preußen.  235

Ein  anderer  Typus  findet  sich  in  Österreich.  Hier  wurden  durch  den
Organisationsentwurf  vom  Jahre  1849  für  den  propädeutischen  Unterricht  zwei
wöchentliche  Stunden  im  letzten  Schuljahre  bestimmt  und  1855  auch  auf  das
vorletzte  Schuljahr  ausgedehnt.  Als  man  1884  den  Unterricht  wieder  verkürzte,
indem  nur  das  letzte  Schuljahr  zwei  philosophische  Stunden  erhielt,  erhob  sich
eine  Bewegung  zugunsten  dieses  Unterrichts,  welche  von  Höfler  und  Meinong
geleitet  wurde.!)  Sie  suchten  dieses  Fach  dadurch  zu  sichern  und  zu  stützen,
daß  sie  es  durch  ihre  Lehrbücher  und  methodischen  Anweisungen  ausbauten.
Seit  1900  hat  dieses  Fach  in  Österreich  wieder  je  2  Stunden  während  der
beiden  letzten  Schuljahre..  Auf  eine  psychologische  Einleitung  läßt  man  in  der
7.  Klasse  (U  I)  Logik,  in  der  8.  Klasse  (O  I)  Psychologie  folgen,  welche  auch
eine  Grundlegung  der  Asthetik  und  Ethik  enthalten  soll,  aber  religiös-metaphysische
  Fragen  nicht  berühren  darf.  Bis  auf  diesen  bedenklichen  Punkt  dürfen
die  methodischen  Anweisungen  der  Instruktion  für  das  Verfahren  und  die  Auswahl
  des  Stoffes  als  höchst  beachtenswert  gelten.”)  —  In  den  beiden  süddeutschen
Staaten  Württemberg  und  Baden  ist  der  philosophische  Unterricht  ähnlich
gestellt  wie  in  Österreich.  Württemberg  hat  nach  dem  Lehrplan  von  1891  im
letzten  Schuljahr  2  wöchentliche  Stunden,  in  denen  zuerst  Psychologie  und
dann  Logik  durchgenommen  wird.  Ganz  ebenso  Baden  seit  1883,  nur  daß  hier
je  eine  Stunde  wöchentlich  in  den  zwei  letzten  Schuljahren  dafür  bestimmt
wird.  Auch  der  ungarische  Lehrplan  von  1880  zeigt  sich  dem  österreichischen
verwandt,  indem  er  für  die  oberste  Stufe  wöchentlich  3  Unterrichtsstunden
Logik  und  Psychologie  ansetzt.

Die  preußischen  Lehrpläne  von  1901  empfehlen  zunächst  auf  S.  20  eine
in  engen  Grenzen  zu  haltende  Behandlung  der  Hauptpunkte  der  Logik  und  der
empirischen  Psychologie.  Da  haben  wir  also  zunächst  den  verbreiteten  logischpsychologischen
  Unterricht,  nur  daß  er  nicht  eigene  Stunden  hat,  sondern
in  den  deutschen  Unterricht  eingeschaltet  werden  soll.  Aber  die  gleichen  Lehrpläne
  keunen  auch  den  philosophisch  orientierten  Fachunterricht,  denn  8.  65
wird  von  dem  naturwissenschaftlichen  Unterricht  verlangt,  daß  er  die  Wege
aufzeigt,  auf  denen  man  zur  Erkenntnis  der  Naturgesetze  gelangt  ist  und  gelangen
  kann.  Sie  empfehlen  ferner  für  I  die  Lektüre  der  philosophischen
Schriften  Ciceros  und  einiger  Platonischer  Dialoge.  Für  den  deutschen  Unterricht  der
oberen  Klassen  wird  auf  S.  20  ein  Lesebuch  empfohlen,  das  u.  a.  auch  philosophische
  Stücke  enthalten  soll.  Die  wichtigste  Bestimmung  aber  findet  sich
S.  22:  “Durch  zweckmäßig  geleitetes  Lesen  dieser  Art  wird  die  philosophische
Propädeutik,  deren  Aufnahme  in  den  Lehrplan  der  Prima  an  sich  wünschenswert
  ist,  wirksam  unterstützt,  da  aber,  wo  die  Verhältnisse  ihre  Aufnahme  nicht
ermöglichen,  wenigstens  einigermaßen  ersetzt  werden  können.  Aufgabe  einer
solchen  Unterweisung  ist  es,  die  Befähigung  für  logische  Behandlung  und  spe-!)

  Alois  Höfler,  Zur  Propädeutikfrage.  Wien  1884.  —  Alexius  Meinong,  Über
philosophische  Wissenschaft  und  ihre  Propädeutik.  Wien  18886.

®,  Lehrplan  und  Instruktionen  für  den  Unterricht  an  den  Gymnasien  in  Österreich
vom  28.  Februar  1900.  8.  21  und  8.  308—321.