238  Ruuson:  Philosophische  Propädeutık.

derartige  echte  Schulphilosophie  wird  zunächst  etwas  einseitig  auftreten,  wie
sich  an  einigen  Vorarbeiten,  besonders  an  dem  Werke  von  Schulte-Tigges,  zeigt,
durch  Vereinigung  der  Vorarbeiten  aber  und  Verknüpfung  der  humanistischen
und  naturwissenschaftlichen  Darstellungen  wird  doch  ein  allgemein  anerkannter
Unterrichtsstoff  sich  ergeben.  Alsdann  wird  auch  die  zweite  literarische  Aufgabe
  für  dieses  Fach  erfüllt  werden  können,  einen  kurzen  Abriß  oder  Leitfaden
für  die  Hand  des  Schülers  zu  schaffen,  an  den  sich  die  Besprechungen  anschließen
  lassen.

3.  Hilfsmittel  Wenn  in  unserem  höheren  Schulwesen  ein  Gegenstand,
ein  Fach,  ein  Können  für  so  wertvoll  erkannt  wird,  daß  es  in  den  Lehrplan
aufzunehmen  ist,  so  verlangt  dieses  Fach  auch  seinen  Fachmann.  Die  Theologen
haben  vor  hundert  Jahren  aus  diesem  Grunde  das  Feld  vor  den  fachmännisch
gebildeten  Philologen  räumen  müssen,  und  in  jedem  Falle  steht  die  gelehrte
Schule  der  Wissenschaft  zu  nahe,  als  daß  sie  sich  ungestraft  von  diesem  Grundsatze
  lossagen  dürfte.  Fachmännische  Vorbildung  in  der  Philosophie  kann
darum  keinem  Lehrer  erlassen  werden,  der  philosophischen  Unterricht  erteilen  -
will.  Es  hat  in  der  Tat  an  der  fachmännischen  Vorbildung  in  der  Philosophie
lange  Zeit  gefehlt,  man  hat  sich  mit  sprunghaften  Studien  und  unzusammenhängenden
  Kenntnissen  begnügt  und  hat  das  philosophische  Wissen  nicht  selten
aus  sekundären  Quellen  geschöpft.  Ein  Versuch,  den  philosophischen  Studiengang
  zu  schildern,  ist  von  Brockdorff!)  unternonmen  worden:  das  war  ein  guter
Gedanke,  doch  ist  die  Durchführung  noch  nicht  befriedigend  und  konnte  es
wohl  auch  beim  ersten  Wurf  noch  nicht  sein.  Er  bemüht  sich  besonders,  einen
Kanon  für  das  Studium  der  philosophischen  Klassiker  zu  gewinnen,  wofür  Herbart
  bereits  vorgearbeitet  hat.

Um  die  erforderliche  fachwissenschaftliche  Ausbildung  zu  gewinnen,  bieten
sich  dem  Studierenden  der  Philosophie  zunächst  die  Vorlesungen,  deren
Wert  für  die  philosophische  Ausbildung  ja  nicht  überschätzt  werden  darf.  Sie
vermögen  nur  dann  eine  philosophische  Ausbildung  zu  begründen,  wenn  Übungen
hinzutreten,  wie  sie  in  den  Seminarien  und  Sozietäten  der  Hochschulen  gebräuchlich
  sind.  Wenn  sich  bei  dem  gegenwärtigen  Rückgange  der  Altertumsstudien
  die  Dozenten  der  klassischen  Philologie  genötigt  sehen,  neben  den
Seminarien  die  Übungen  der  Proseminarien  noch  besonders  zu  pflegen,  so
scheinen  für  die  philosophischen  Studien  Proseminarien  erst  recht  geboten  zu
sein,  denn  der  Philosophie  stehen  die  jungen  Studenten  nicht  minder  hilflos
gegenüber.  Es  ist  das  Verdienst  Rudolf  Lehmanns,  die  Arbeit  im  philosophischen
  Proseminar  als  wichtig  erkannt  und  zur  Nachahmung  empfohlen  zu  haben.

Zu  diesen  Veranstaltungen  kommen  für  den  Studierenden  aus  der  Literatur
die  sogenannten  Einleitungen  in  die  Philosophie  hinzu,  deren  nicht  wenige
in  dem  letzten  Jahrzehnt  entstanden  sind.  Ihre  große  Zahl  und  die  günstige  Aufnahme,
  welche  sie  gefunden  haben,  beweisen,  wie  sehr  sie  einem  Bedürfnisse  ent-1)

  Cay  von  Brockdorff,  Das  Studium  der  Philosophie  mit  Berücksichtigung  der
seminarischen  Vorbildung.  Kiel  1903.