Die  Ziele  des  lateinischen  Unterrichtes.  943

DAS  LATEINISCHE.:)

Von  OskARr  WEISSENFELS.

I.  DIE  ZIELE  DES  LATEINISCHEN  UNTERRICHTES.

1.  Die  heutige  Stellung  des  Lateinischen.  Welche  Stellung  das
Lateinische  das  ganze  Mittelalter  hindurch  bis  in  die  Neuzeit  eingenommen
hat  und  zu  welchem  Zwecke  es  gelernt  wurde,  ist  in  mustergültigen  Darstellungen
  oft  auseinandergesetzt  worden.  Der  bescheidene  Raum,  der  hier  zur
Verfügung  steht,  gestattet  nicht,  so  weit  auszuholen.  Doch  seien  einige  Bemerkungen
  vorausgeschickt,  um  in  dem  immer  noch  andauernden  Streite  über
die  Ziele  und  die  Methode  des  altsprachlichen  Unterrichts  eine  Entscheidung
treffen  zu  können.  Vor  allem  gilt  es,  sich  klar  zu  machen,  bis  zu  welchem
Grade  man  mit  dem  Altertum  bekannt  werden  kann  ohne  Kenntnis  des  Lateinischen
  und  Griechischen.  Es  leuchtet  ein,  daß  von  dem  Politischen  und
Kriegsgeschichtlichen  eine  nicht  bloß  breite,  sondern  auch  gründliche  Kenntnis  gewonnen
  werden  kann  auch  durch  Darbietungen  in  deutscher  Sprache.  Dasselbe
gilt  von  den  Realien  und  sogenannten  Antiquitäten.  Von  dem  Aussehen  des
antiken  Lebens,  von  dem  Geographischen,  Topographischen,  von  den  privatrechtlichen
  und  staatsrechtlichen  Verhältnissen,  von  der  Kompetenz  der  Beamten,
von  den  Verfassungsänderungen  und  anderem  derartigen  kann  man  in  wenigen
Stunden  den  Schülern  eine  genauere  Kenntnis  und  ein  besseres  Verständnis
verschaffen,  als  wenn  man  die  Lektürestunden  eines  ganzen  Semesters  darauf
verwendet,  mit  schulmäßiger  Langsamkeit  einige  auf  jenes  Ziel  hinweisende
Abschnitte  aus  den  alten  Schriftstellern  mit  ihnen  zu  lesen.  Dasselbe  gilt  von
den  Leistungen  der  Alten  auf  dem  Gebiete  der  Mathematik,  der  Mechanik,  der
ganzen  Naturwissenschaften.  Auch  für  alles  eben  Aufgezählte  ist  es  nötig,  auf
die  alten  Schriftsteller  selbst  zurückzugehen,  wenn  es  sich  un  fachwissenschaftliche
  Erörterungen  handelt:  der  Schüler  aber  lernt  diese  Dinge  nicht  bloß

1)  Man  begreift,  daß  es  hier  nicht  auf  Vollständigkeit  der  bibliographischen  Angaben
abgesehen  sein  konnte.  Dazu  würde  der  ganze  dem  Griechischen  und  Lateinischen  in  diesem
Buche  zugestandene  Raum  auch  nicht  von  ferne  genügt  haben.  Ich  verweise  in  dieser
Hinsicht  auf  die  mustergültig  eingerichteten  Jahresberichte  über  das  höhere  Schulwesen,
herausgegeben  von  K.  Rethwisch,  von  denen  nun  schon  achtzehn  Jahrgänge  vorliegen.  Das
Lateinische  wird  darin  von  H.  Ziemer,  das  Griechische  von  A.  v.  Bamberg  mit  einer  alles
Neue  berücksichtigenden  Gründlichkeit  behandelt.  Auch  auf  die  Besprechungen  zum  lateinischen
  und  griechischen  Unterricht  von  Fr.  Müller  in  der  Berliner  Philologischen  Wochenschrift
  sei  hingewiesen.

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