944  Weıssenseus:  Das  Lateinische.

leichter,  sondern  auch  besser,  wenn  sie  ihm  in  seiner  Muttersprache  mitgeteilt
und  klargemacht  werden.  Positives  Wissen  über  alles,  was  das  äußere  private
und  öffentliche  Leben  d&amp;  Griechen  und  Römer  betrifft,  kann  also  auch  der  des
Griechischen  und  Lateinischen  Unkundige  in  Hülle  und  Fülle  erwerben.  Als
eigentümlicher  Preis  der  langjährigen  und  angestrengten  Beschäftigung  mit  den
alten  Sprachen  muß  demnach  doch  etwas  noch  Wertvolleres  winken,  und  was
nur  auf  diesem  umständlichen  Wege  gewonnen  werden  kann.  Was  ist  nun
dieses  Höhere,  welches  für  Menschen  von  bloß  normaler  Intelligenz  um  einen
geringeren  Preis  nicht  zu  haben  ist?  Außer  dem  sachlichen  Gewinne  bedeutender,
  auf  den  Kern  und  die  Hauptformen  des  Lebens  zielender  Gedanken  soll
von  dem  Schüler  die  in  der  Sprache  selbst  sich  widerspiegelnde  Art  der  Alten
zu  denken,  zu  empfinden,  sich  das  Göttliche  und  Menschliche  zurechtzulegen
halb  instinktiv,  halb  mit  hellem  Bewußtsein  erfaßt  werden.  Mag  auch  wenig
im  ganzen  aus  den  Schriften  der  Alten  mit  den  Schülern  gelesen  werden
können,  der  langjährige  tägliche  Verkehr  mit  ihrer  Sprache  während  der  ersten
Periode  des  Wachsens,  wo  der  Geist  noch  nicht  einer  beschriebenen  Tafel
gleicht,  ist  ein  Gegengewicht  gegen  die  ältliche  moderne  Kultur  und  schafft
unablässige  Aufforderungen,  sich  seine  innere  Welt  zu  klären  und  durch  ein
fortwährendes  leises  Modifizieren  vor  dem  konventionellen  Erstarren  zu  bewahren.
Ein  solcher  Gewinn  kann  aber  nur  erzielt  werden  durch  eine,  wenn  auch  nicht
pedantische,  so  doch  scharfe  und  auf  Vertrautheit  mit  dem  fremden  Idiom
zielende  Behandlung  des  Sprachlichen  und  durch  die  Vertiefung  in  einige  Literaturwerke
  von  typischer  Bedeutung,  welche  die  reichen  und  vielseitigen  Kräfte  der
alten  Sprachen  glücklich  entfaltet  zeigen  und  deshalb  fortwährend  den  Pulsschlag
  der  antiken  Seele  fühlen  lassen.  Für  wen  dieser  Weg  zu  beschwerlich
ist,  der  sollte  dem  Gymnasium  fern  bleiben:  auch  aus  Darbietungen  in  deutscher
Sprache  kann  er  zum  Zwecke  der  bloßen  historischen  Kenntnisnahme  sehr  viel
Wissenswertes  und  Anregendes  über  die  Alten  lernen.

Die  Stellung  des  Lateinischen  in  den  höheren  Schulen  ist  heute  eine  sehr
schwierige  geworden.  Früher  schwor  man  mit  dem  mittelhochdeutschen  Dichter,
aller  Sprachen  Königin  sei  das  Latein;  jetzt  muß  das  Lateinische,  müssen  die
römischen  Schriftsteller  für  das  Übermaß  von  Bewunderung,  das  ihnen  früher
zuteil  geworden,  büßen.  Man  spottet  über  die  pedantische  Regelmäßigkeit
ihrer  Sprache  und  spricht  ihr  alle  psychologische  Feinheit  ab;  den  Römern
selbst,  findet  man,  habe  es  vollständig  an  künstlerischen  Anlagen  und  literarischer
  Befähigung  gefehlt.  Einer  der  am  weitesten  Fortgeschrittenen,  J.  Beloch,
schrieb  neulich:  „Es  wäre  wohl  Zeit,  daB  wir  endlich  aufhörten,  von  Griechen
und  Römern  zu  sprechen,  als  ob  beide  Völker  in  einem  Atem  genannt  werden
dürften“.  Saeculum  est,  mit  Geringschätzung  von  den  Römern  und,  der  lateinischen
  Rasse  zu  sprechen,  und  selbst  so  gewichtige  Stimmen  wie  die  Rankes,
L.  Friedländers,  O.  Ribbecks  vermögen  sich  nicht  dem  gegenüber  Gehör  zu
verschaffen.  Es  ist,  als  wolle  sich  die  Menschheit  dafür  rächen,  daß  sie  so
lange  das  Joch  des  römischen  Geistes  hat  tragen  müssen.  Einen  so  leidenschaftlichen,
  so  stark  übertreibenden  Charakter  hat  die  literarische  und  ästhe-