246  WeıssenreLs:  Das  Lateinische.

Ein  bedeutendes  Plus,  sieht  man,  ist  in  Württemberg  vorhanden.  Auch
dort  ist  der  Anfang  des  Lateinischen  an  den  zehnklassigen  Gymnasien  von  der
letzten  Klasse  jetzt  in  die  vorletzte  verlegt,  verfügt  aber  in  den  anderen  neun
Klassen  immer  noch  über  11  wöchentliche  Stunden  mehr  als  an  den  meisten
anderen  deutschen  Gymnasien.  Die  Lehrpläne  und  hinzugefügten  methodischen
Erörterungen  atmen  alle  denselben  Geist.  Auf  grammatische  Schulung  will
man  nicht  verzichten,  doch  stellen  sie  als  letztes  Ziel  hin  das  Verständnis  der
klassischen  Schriftsteller  Roms  und  die  Einführung  in  das  Geistes-  und  Kulturleben
  des  Altertums.  Das  sagen  sie  alle  mit  ein  wenig  anderen  Worten.  Auch
die  württembergischen  Lehrpläne  warnen  davor,  „in  einseitiger  Weise  auf  die
grammatische  und  stilistische  Schulung  den  Hauptwert  zu  legen  und  den
Schriftsteller  nur  als  Substrat  für  Einübung  von  Grammatikregeln  und  als
Fundstätte  für  die  Komposition  zu  behandeln“.  Besonders  in  den  oberen
Klassen  soll  die  Grammatik  und  der  Betrieb  der  Komposition  gegen  die  Erklärung
  der  Schriftsteller  zurücktreten.  Alle  nicht  unmittelbar  zum  Verständnis
des  Textes  erforderlichen  grammatischen,  synonymischen  und  lexikalischen  Erörterungen
  seien  zu  vermeiden.  Es  handele  sich  nur  um  die  Vermittlung  und
Mitteilung  der  klassischen  Bildungselemente  und  die  Erschließung  des  antiken
Geisteslebens.  Hinsichtlich  der  Komposition  aber,  in  welcher  in  Württemberg
immer  mehr  geleistet  worden  ist  als  anderswo,  wird  auch  hier  jetzt  ausdrücklich
  vorgeschrieben,  daß  den  Schülern  „Übersetzungsstücke  geboten  werden
sollen,  welche  für  die  Übertragung  in  die  lateinische  Sprache  keine  zu  großen
Schwierigkeiten  bieten“.  Zu  bemerken  ist,  daß  die  letzten  preußischen  Lehrpläne,
  den  immer  lauter  werdenden  Klagen  über  die  zunehmende  grammatische
Unsicherheit  Rechnung  tragend,  die  sprachliche  Seite  des  Unterrichts  wieder
etwas  stärker  betonen.  Die  Texte  für  die  schriftlichen  Klassenübersetzungen,
schreiben  sie  vor,  „müssen  an  die  Denktätigkeit  solche  Ansprüche  stellen,  daß
ihre  Übertragung  als  selbständige  Leistung  gelten  kann.  Werden  sie  an  Gelesenes
  angeschlossen,  so  ist  sorgfältig  darauf  zu  achten,  daß  die  Aufgabe  keine
bloße  Gedächtnisübung  wird“  Der  Unterricht  im  Lateinischen  soll  sich  also
als  letztes  Ziel  setzen  die  Einführung  in  das  Geistesleben  des  Altertums.  Der
Lehrplan  für  die  sächsischen  Gymnasien  redet  allerdings  vielmehr  von  der
Kenntnis  des  „römischen  Staats-  und  Geisteslebens“.  Eine  gründliche  Betreibung
  des  Sprachlichen  wird  gerade  deshalb  auch  für  notwendig  erklärt,
damit  später  die  sachlichen  Gesichtspunkte  in  den  Vordergrund  treten  können.
Neue  Schriftsteller  sollen  zunächst  in  der  Klasse  vorbereitet  ‘werden,  aber  auch
die  unvorbereitete  Lektüre  soll  gepflegt  werden.  Als  Abschluß  gewissermaßen
der  sprachlichen  und  sachlichen  Erklärung  wird  dann  eine  gute  deutsche,  aber
möglichst  wortgetreue  Übersetzung  verlangt,  die,  wie  es  in  den  preußischen
Lehrplänen  heißt,  nach  jedem  größeren  Abschnitt  vom  Lehrer  als  Ganzes  vorzutragen
  und  in  der  Regel  bei  Beginn  der  nächsten  Stunde  von  den  Schülern
zu  wiederholen  sei.  Auf  der  oberen  Stufe  wird  empfohlen,  das  Nachübersetzen
einzuschränken  und  durch  Fragen,  die  sich  auf  Inhalt  und  Form  des  Gelesenen
beziehen,  zu  ersetzen.  Allen  Lehrplänen  ist  ferner  gemeinsam  die  Empfehlung