Die  Lehrpläne  für  das  Lateinische.  247

von  Auswahlen  aus  den  Werken  der  Schriftsteller.  Es  gilt  jetzt  als  ein  grober
pädagogischer  Fehler,  in  gerader  Linie  immer  weiter  zu  lesen,  bis  zum  Schluß
des  Semesters.  Jetzt  soll  eine  Übersicht  über  den  Inhalt  des  Ganzen  gegeben
und  eine  Auswahl  nach  bestimmten  sachlichen  Gesichtspunkten  getroffen  werden.
Die  vorletzten  preußischen  Lehrpläne,  die  von  Konzentrationsmethodikern  inspiriert
  waren,  hatten  das  Lateinische  fast  ganz  der  eigentlichen  Geschichte
untergeordnet.  Daran  erinnert  in  den  letzten  Lehrplänen  jene  Stelle,  wo  es  als
ein  noch  zu  wenig  gewürdigter  und  doch  für  die  gegenseitige  Stützung  der
Unterrichtsfächer  wichtiger  Gesichtspunkt  bezeichnet  wird,  zwischen  der  Prosa:
lektüre  und  der  geschichtlichen  Lehraufgabe  der  Klasse  eine  nähere  Beziehung
herzustellen.  Namentlich  für  das  Lateinische  soll  das  gelten.  Dadurch  werde
für  bedeutsame  Abschnitte  der  alten  Geschichte  und  hervorragende  Persönlichkeiten
  eine  durch  kraftvolle  Züge  belebte  Anschauung  gewonnen.  Dieser  zweite
Satz  ist  glücklich  formuliert  und  verlangt  nicht  das  Unmögliche  Auch  der
Inhalt  der  Lesebücher  soll  diesen  Zweck  fördern  helfen.  Was  die  hessischen
Lehrpläne  hingegen  vorschreiben,  muß  zu  allerhand  Künsteleien  verführen.  Dort
heißt  es  geradezu:  „Die  Prosalektüre  ist  in  den  beiden  alten  Sprachen  planmäßig
  mit  dem  Geschichtsunterricht  in  innigste  Verbindung  zu  bringen.“  Man
ist  jetzt  auch  bemüht,  mit  den  wichtigsten  Seiten  der  alten  Kultur  im  Anschluß
an  die  Lektüre  bekannt  zu  machen,  ja  dem  Altertum  eine  Art  von  lebendiger
Gegenwärtigkeit  in  den  Köpfen  der  Schüler  zu  geben.  Der  sächsische  Lehrplan
sagt,  es  sei  wünschenswert,  Vereinbarungen  darüber  zu  treffen,  welche  Abschnitte
  aus  den  Altertümern  und  der  Literaturgeschichte  in  den  einzelnen
Klassen  durchzunehmen  seien,  damit  Verfrühungen  und  unnötige  Wiederholungen
vermieden  und  anderseits  nicht  wesentliche  Lücken  gelassen  würden.  Schließlich
  sei  noch  erwähnt,  daß  alle  Lehrpläne  die  Verwertung  künstlerisch  wertvoller
  Anschauungsmittel  empfehlen.  Dies  gilt  für  das  Lateinische  wie  für  das
Griechische.  Am  nachdrücklichsten  schreibt  dies  der  sächsische  Lehrplan  vor.
Es  sei  dafür  Sorge  zu  tragen,  heißt  es  dort,  daß  die  Schüler  bei  geeigneter
Gelegenheit  das  Nötige  über  den  griechischen  Tompelbau,  die  Einrichtung  des
griechischen  Theaters  sowie  über  die  namhaftesten  bildenden  Künstler  Griechenlands
  erfahren,  auch  eine  Anzahl  der  bedeutendsten  Werke  durch  Abgüsse  oder
Abbildungen  kennen  lernen.  Man  wird  sich  hier  hüten  müssen,  in  eine  historische
  Breite  zu  gehen  oder  sich  an  archäologische  Hypothesen  zu  verlieren.
Es  werden  eine  kleine  Anzahl  solcher  Kunstwerke  vorgeführt  werden  müssen,
die  im  Namen  der  ganzen  griechischen  Kunst  dastehen  können.  Auch  jene
andere,  von  J.  Ziehen  mit  Geschick  vertretene  Forderung,  daß  man  bei  der  Erklärung
  der  alten  Schriftsteller  von  der  Örtlichkeit  eine  lebendige  Vorstellung
verschaffen  müsse,  ist  nicht  abzuweisen.

I.  DIE  SPRACHLICHE  SEITE  DES  LATEINISCHEN  UNTERRICHTS.

1.  Über  die  Prinzipien  des  grammatischen  Elementarunterrichts
herrscht  Übereinstimmung.  In  allen  Lehrplänen  steht,  daß  der  Unterricht  im
Lateinischen  zugleich  für  den  gesamten  übrigen  sprachlichen  Unterricht  eine