248  Weıssensreıs:  Das  Lateinische.

sichere  Grundlage  schaffen  müsse.  Nicht  bloß  in  den  in  Anlehnung  an  die
preußischen  redigierten  Lehrplänen,  sondern  auch  in  den  selbständigeren  von
Sachsen,  Württemberg  und  Bayern  zeigt  sich  zugleich  das  Bestreben,  dem
Überwuchern  der  Grammatik  enfgegenzuarbeiten.  Auch  bekämpft  man  überall
jene  pedantische  Systematik,  die  sich  tiber  alle  durch  die  Praxis  gebotenen
Rücksichten  hinwegsetzen  möchte.  Für  die  Formenlehre  wie  für  die  Syntax
wird  Beschränkung  auf  das  Regelmäßige,  Unentbehrliche,  häufig  Vorkommende,
Charakteristische  gepredigt.  Ein  sorgfältig  bemessener  Wortschatz  soll  zur  Vorbereitung
  auf  die  Lektüre  gewonnen  werden.  Es  wird  empfohlen,  vom  Satze
auszugehen  und  das  Gelesene  durch  umformende  Übersetzungen  mündlich  und
schriftlich  zu  verarbeiten.  Von  dem  induktiven  Verfahren  verspricht  man  sich
jetzt  nicht  mehr,  als  es  leisten  kann:  mit  Maß  und  an  der  richtigen  Stelle  angewendet,
  hofft  man,  werde  es  die  Selbsttätigkeit  fördern.  Der  Warnung  vor
allzuviel  grammatischen  Einzelheiten  begegnet  man  nicht  bloß  in  den  preußischen
Lehrplänen.  Dem,  was  zum  festen  Besitze  werden  muß,  stellt  man  das  andere
gegenüber,  was  gelegentlichen  Erklärungen  bei  und  vor  der  Lektüre  überlassen
werden  kann.  Daran  wird  festgehalten,  daß  die  schulmäßige  Behandlung  der
alten  Sprachen  von  einem  wissenschaftlichen  Geiste  durchweht  sein  müsse,  aber
dieser  soll  sich  den  Schülern  nicht  aufdrängen.  Am  deutlichsten  sprechen  dies
die  württembergischen  Lehrpläne  aus:  „So  gewiß  von  jedem  Lehrer  des  Lateinischen
  und  Griechischen  verlangt  werden  muß,  daß  er  mit  den  Fortschritten
der  grammatischen  Wissenschaft  der  beiden  klassischen  Sprachen,  den  sprachvergleichenden
  Ergebnissen  in  der  Formenlehre  und  der  historischen  Entwicklung
  und  den  feineren  sprachwissenschaftlichen  Beobachtungen  auf  dem  Gebiete
der  Syntax  vertraut  sei,  so  entschieden  verfehlt  wäre  es,  wenn  die  Schüler  in
diese  Spezialitäten  eingeführt  würden.“  Ebendort  heißt  es:  „Gegenüber  dem
Unterrichtsbetrieb,  der  noch  da  und  dort,  sogar  in  Oberklassen,  in  einseitiger
Weise  auf  die  grammatische  und  stilistische  Schulung  den  Hauptwert  legt  und
den  Schriftsteller  nur  als  Substrat  für  Einübung  von  Grammatikregeln  und  als
Fundstätte  für  die  Komposition  behandelt,  muß  mit  aller  Entschiedenheit  darauf
hingewiesen  werden,  daß  im  Lateinischen  und  in  analoger  Weise  auch  im  Griechischen
  die  Behandlung  der  Grammatik  in  ein  richtiges  Verhältnis  zur  Lektüre
zu  setzen  ist.“  Die  vorletzten  preußischen  Lehrpläne,  die  durch  Pädagogen  der
Herbartischen  Schule  inspiriert  waren,  hatten  die  grammatischen  Unterweisungen
und  Übungen  sehr  eingeschränkt.  Den  Klagen  über  die  um  sich  greifende
sprachliche  Unwissenheit,  durch  welche  die  Lektüre  gehemmt  werde,  Rechnung
tragend,  räumen  die  letzten  Lehrpläne  der  Grammatik  wieder  mehr  Raum  ein,
zum  Verdruß  derer,  die  in  der  Gramınatik  nur  ein  notwendiges  Übel  erblicken.
Ein  großer  Fortschritt  des  heutigen  Unterrichts  ist  es,  daB  man,  ohne  auf
Systematik  zu  verzichten,  doch  zugleich  die  Bedürfnisse  der  Praxis  berücksichtigt.
  Das  für  Satzbildung  durchaus  Notwendige  scheut  man  sich  nicht  schon
bei  der  Einübung  der  Formen  zu  behandeln.  Elementare  syntaktische  Regeln
sollen  schon  in  Sexta  und  Quinta  aus  dem  Lehrstoffe  abgeleitet  und  mündlich
und  schriftlich  geübt  werden.  Für  Quarta  setzen  dann  die  preußischen  Lehr-