250  WeıssenreLs:  Das  Lateinische.

lugen  und  das  schon  Gelernte  immer  wieder  zur  Erklärung  und  Stützung  herbeiziehen.
  Es  ist  kläglich,  wenn  ein  Lehrer  immer  nur  darauf  aus  ist,  die  ihm
zugewiesenen  Paragraphos  gut  einzustudieren:  in  jeder  nachfolgenden  Klasse
soll  nicht  bloß  etwas  hinzugelernt,  sondern  zugleich  das  Gesamtwissen  des  Lateinischen
  befestigt  und  vertieft  werden.  Ein  entschiedener  Fortschritt  ist  es,
daß  jetzt  beim  Anfangsunterrichte  der  Aussprache  die  gebüihrende  Aufmerksamkeit
  gewidmet  wird.  Die  Quantitäten  der  Endsilben  und  die  naturlangen  und
naturkurzen  Silben  pflegen  jetzt  richtig  gesprochen  zu  werden.  Hier  und  da
mag  man  wohl  im  Eifer  zu  weit  gegangen  sein.  Wenigstens  warnen  mehrere
Lehrpläne  davor,  den  Unterricht  mit  besonderen  Feinheiten  der  Aussprache,
namentlich  in  positionslangen  Silben,  zu  beschweren.

2.  Die  Grammatik  spielt  nicht  auf  allen  Unterrichtsstufen  eine  gleich
wichtige  Rolle:  in  den  unteren  Klassen  ist  sie  so  ziemlich  alles;  mehr  und
mehr  gewinnt  in  der  Folge  die  Lektüre  an  selbständiger  Bedeutung;  auf  der
obersten  Stufe  ist  die  Erklärung  des  Schriftstellers  die  Hauptsache,  doch  muß
die  Grammatik  zu  diskreter  Milfsleistung  bereit  stehen.  Daß  es  unten  ohne
richtiges  Einüben  nicht  geht,  davon  ist  man  jetzt  wohl  wieder  ziemlich  allgemein
  überzeugt.  So  gelegentlich  bei  methodischer  Behandlung  und  Ausnutzung
  des  Gelesenen  läßt  sich  kaum  das  elementare  Englisch  lernen,  geschweige
  denn  die  Elemente  einer  so  schwierigen  Sprache,  wie  die  lateinische
ist.  Sie  werden  auch  immer  seltener,  die  noch  glauben,  daß  jede  Lateinstunde
schon  in  Sexta  vor  allem  Realunterricht  in  der  römischen  Geschichte  sein
müsse.  Auch  gilt  die  induktive  Methode  nicht  mehr  als  die  alleinseligmachende
beim  Anfangsunterrichte,  und  man  hört  schon  weniger  selten  das  große  Wort
aussprechen,  daß  jeder  Schüler  sich  seine  Grammatik  selbst  machen  müsse.  In
der  Tat  war  an  dem  Niedergange  des  Lateinischen  nicht  bloß  die  verminderte
Stundenzahl,  sondern  auch  die  unklare  Methode  schuld,  nach  der  man  sich  zu
unterrichten  bemühte.  Aber  man  hat  nicht  vergeblich  dem  Verkehrten  eine
Zeitlang  seinen  Tribut  gezahlt.  In  Irrtümern  steckt  auch  immer  ein  Fünkchen
Wahrheit,  und,  was  lange  uneingeschränkt  geherrscht  hat,  muß  angefeindet
werden,  damit  es  nicht  versauere.  Die  Induktion  ist  heute  zu  einem  belebenden
Elemente  im  grammatischen  Unterrichte  geworden;  man  unterscheidet  das  Singuläre
  vom  Wesentlichen,  übt  das  Wesentliche  gründlich  ein  und  überläßt  das
Singuläre  der  gelegentlichen  Aneignung;  man  teilt  nicht  bloß  mit,  sondern
sucht  zu  erklären;  die  Elemente  der  Sprachphilosophie  und  der  Sprachvergleichung
fangen  an  zum  Allgemeingut  zu  werden;  die  Tyrannei  des  klassischen  Sprachkanons
  ist  gebrochen  worden.  Aber  auch  dieses  ist  trotz  aller  leidenschaftlichen
  Gegenreden  der  Realpädagogen  jetzt  fast  allgemeine  Überzeugung,  daß
die  Zeit,  die  einer  gründlichen  Behandlung  des  Wesentlichen  aus  der  Grammatik
  auf  der  untersten  und  mittleren  Stufe  gewidmet  wird,  reichlich  nachher
wieder  eingebracht  wird,  und  daß  anderseits  die  geringschätzige  Behandlung  des
Grammatischen  immer  wieder  in  den  Lektürestunden  elementare  grammatische
Zwischenbemerkungen  nötig  macht.  Dazu  kommt  der  große  Gewinn,  den  die
Grammatik  für  die  Disziplinierung  der  geistigen  Kräfte  bringt.  In  dieser  Hin-