Die  Bedeutung  des  grammatischen  Unterrichtes.  251

sicht  ist  sie  der  Mathematik  verwandt.  Vor  dieser  hat  sie  aber  zweierlei  voraus:
erstens  die  Mannigfaltigkeit  ihrer  Wirkungen,  zweitens  dieses,  daß  sie  nie  bloß
in  formaler  Hinsicht  bildet.

Für  das  Gedeihen  des  grammatischen  Unterrichtes  hängt  zwar  nicht  alles,
aber  viel  von  der  zugrunde  gelegten  Grammatik  ab.  Auf  die  lange  Herrschaft
der  breit  ausgeführten  und  ausnahmereichen  Grammatiken  folgte  endlich  eine
solche  der  auf  das  Notwendigste  reduzierten  und  alles  aufs  knappste  formulierenden
  Lehrbücher.  Jetzt  befleißigt  man  sich  der  Kürze,  strebt  aber  zugleich
nach  systematischer  Vollständigkeit  und  will  nicht  bloß  das  Quantum  des
durchaus  Auswendigzulernenden  bieten.  Damit  hat  man  den  richtigen  Weg  betreten.
  H.  Ziemer  hat  über  diesen  Punkt  in  ausgezeichneter  Weise  gehandelt,
in  den  verschiedenen  Jahrgängen  der  von  K.  Rethwisch  herausgegebenen  Jahresberichte
  wie  in  der  Vorrede  der  von  ihm  neu  bearbeiteten  lateinischen  Schulgrammatik
  von  Gillhausen.  Auf  der  untersten  Stufe  werden  die  Elemente  nach
einem  Buche  behandelt,  das  zugleich  Grammatik  und  Übungsbuch  ist.  Praktische
  Rücksichten  geben  für  die  Reihenfolge  den  Ausschlag.  Gegen  das  Vorausnehmen
  gewisser  Verbalformen  ist  nichts  einzuwenden.  Auf  Systematik  kommt
eg  ja  vorläufig  noch  nicht  an,  und  alles,  was  schnell  die  Möglichkeit  schaflt,
einfache  Sätze  zu  gestalten,  ist  mit  Dank  hinzunehmen.  Zusammenhängende
Lese-  und  Übersetzungsstücke,  wenn  auch  sehr  kleinen  Umfangs,  werden  auf
der  alleruntersten  Stufe  nur  unter  Sprachverrenkungen  zustande  gebracht  werden
können,  die  auf  das  Sprachgeftihl  des  Schülers  abstumpfend  wirken  müssen;
aber  zum  Sätzebilden  läßt  sich  bald  gelangen.  Daß  auch  Sinn  in  diesen  Sätzen
sein  soll,  ist  selbstverständlich.  Auch  werden  lateinisch  formulierte  Sätze  bald
Belehrungen  über  römische  Denkweise  und  römische  Einrichtungen  bieten.
Selbst  Sätze  von  schwebendem,  der  Ausführung  bedürftigem  Inhalt  sind  im  Anfang
  von  guter  Wirkung,  um  eine  sprachliche  Eigentümlichkeit  auf  dieser  wie
auf  den  späteren  Stufen  in  nackter  Klarheit  zu  zeigen.  Doch  bemühe  sich  der
Lehrer,  daß  ihm  für  gewöhnlich  etwas  Besseres  einfällt  als  spero  eum  venturum
esse,  timeo  ne  non  veniat,  gaudeo  quod  vales.

Bald  aber  bedarf  es  einer  systematischen  Grammatik.  Man  wird  bei  der
Einübung  des  grammatischen  Pensums  oft  von  der  durch  das  System  gebotenen
Reihenfolge  aus  praktischen  Gründen  abweichen.  Damit  aber  in  dem  Kopfe
des  Schülers  richtige  Vorstellungen  von  dem  Wesen  der  Sprache  entstehen,  bedarf
  es  eines  Lehrbuches,  in  welchem  alles  an  seiner  durch  den  Organismus  der
Sprache  bedingten  Stelle  steht.  Auch  eine  gewisse  Ausführlichkeit  ist  durchaus
wünschenswert.  Nur  dem,  was  mechanisch  gelernt  werden  soll,  ziemt  die  größte
Knappheit.  Will  man  aber  Verständnis  schaffen,  so  meide  man  jene  orakelhafte
  Kürze,  die  erst  durch  das  Wort  des  Lehrers  zum  Aufquellen  gebracht
werden  kann.  Auch  nach  vorangegangener  Erklärung  lernt  sich  schlecht  nach
den  komprimierten  Grammatiken.  Dazu  kommt,  daß  doch  die  Grammatik  bis
auf  die  oberste  Stufe  die  Freundin  und  Beraterin  des  Schülers  bleiben  soll.
Sie  muß  also  so  gehalten  sein,  daß  er  mit  ihrer  Hilfe  ohne  zu  große  Anstrengungen
  verblaßte  Erinnerungen  auffrischen  kann  und  zugleich  für  manches